Aufgeklärter Phantast zwischen den Regalen (Auszüge)


Tübinger Autoren (7): die vielen Wege des neuzeitlichen Troubadours Marcus Hammerschmitt
 
Peter Ertle, Schwäbisches Tagblatt, S. 19, 30. 8. 2005
 

„Da war die Bibliothek in Völklingen, die hatten diese Science-Fiction-Goldmann-Bände dort stehen. Hab ich alle gelesen. Grauenhaft. Aber war toll damals.“ So äußert sich Schriftsteller Marcus Hammerschmitt über die Anfänge seiner Begeisterung für Science Fiction. Was die sogenannte „ernsthafte“ Literatur angeht, spricht er gern von einer „Hermann-Hesse-Vergiftung“, die er als Jugendlicher erlitt, eine Folgeerscheinung erster Verliebtheit („sie las Hesse, also las ich auch Hesse“).
 
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Aber es sind nicht immer die Anfänge, die bezeichnend sind. Denn wäre die Science Fiction-Literatur eine Episode geblieben oder wäre er nach Liebesverirrung und erfolgreicher Vergiftungs-Genesung von der Literatur kuriert gewesen, läse und schriebe er also nichts oder nur Science Fiction oder nur sogenannte Literatur, nichts wäre außergewöhnlich. Doch Hammerschmitt, Jahrgang 1967, liest und vor allem schreibt: beides, und wie um diese ungewöhnliche Kombination noch zu toppen, tummelt er sich  auch  im  unzugänglichsten Genre, dem der Lyrik, nennt sie gar das (…) Zentrum seines Tuns, schreibt außerdem Essays, von denen man früher gesagt hätte, dass sie gesellschaftskritisch und auf Seiten der historisch  emanzipativen  Kräfte stehen. „Früher?“, lacht Hammerschmitt, als man ihn mit dieser Einschätzung konfrontiert. ,,Das kann man heute immer noch sagen.“
 
 
Wie die Temperatur absinkt
 
(…) Wenn er im Kreise der SF-Autoren  von  seinen  Gedichten spricht, merkt er schon, „wie die Temperatur absinkt. Weil das für diese Leute ein Affront ist. Für die ist Literatur etwas, womit sie schon in der Schule gequält wurden. Das ist eigentlich eine Form von Verrat. Das darf ich im Grunde nicht machen, wenn ich dazu gehören will.“ Und aus anderer Perspektive dürfte er wiederum keine SF-Literatur schreiben.
 
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Lektoren und Verlagsredakteure haben es ihm auf den Kopf zugesagt: „Sie müssen ein Produkt werden. Mit klarem Profil. Jemand, der erkennbar ist.“ Hammerschmitt macht so etwas „rasend“, von Selbstamputation spricht er, vom Popanz, den man aus sich machen müsse, um schön in die Schubladen, konkret: in die nach Genre getrennten Buchhandels-Regale  zu passen. „Wir wissen nicht, wo wir das hinstellen sollen“, dieser alte Spruch, wenn er den schon höre: „Am interessantesten wäre doch ein Regal mit all den Büchern, von denen wir nicht wissen, wo wir sie hinstellen sollen.“
 
 
Ökonomisch falsch, nie bereut
 
Zum Glück hat Hammerschmitt, bislang SF-Suhrkamp- und Heyne-Autor, jüngst einen Vertrag mit einem anderen Verlag abgeschlossen, über zwei Jugendbücher, ein für Hammerschmitt neues Genre und die nächste Schublade, mit der er die Konfusion noch mal erhöhen dürfte. Den Vorschuss kann er gut brauchen, schließlich sind Vertragsabschlüsse respective Bücherverkauf zusammen mit Stipendien und Preisen seine Einnahmequelle als Schriftsteller. Die mittlerweile auch quantitativ gleich einträgliche andere Hälfte erschreibt er sich als Journalist (…). Seit 1997 lebt er nun als freier Schriftsteller. Ökonomisch eine unvernünftige Entscheidung, aber noch nie bereut, meint  Hammerschmitt.  Frühere Versuche, sich nebenberuflich in der Computerbranche zu verdingen, scheiterten, zum Glück, wie er sagt. „Du willst doch schreiben, du willst eigentlich gar nicht hier sein, du setzt dich nicht richtig ein“, sei ihm ständig signalisiert worden.
 
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Mythen, subversiv gewendet
 
(…) In einem seiner Texte hat Marcus Hammerschmitt Schriftsteller als Troubadoure bezeichnet, die über Land ziehen, Aufträge annehmen, für Unterhaltung, Zauber und Magie sorgen, untergründig aber aufklärerisches   Gedankengut  einschmuggeln. In den Worten einer Literaturwissenschaftlerin, die sich eingehend  mit  Hammerschmitts Werk beschäftigt hat, klingt das dann so: „Aus dieser Perspektive sind Hammerschmitts Texte mythopoietisch, und zwar ganz im Sinne Leslie Fiedlers (oder auch Donna Haraways), weil sie Mythen einerseits in die Gegenwart transportieren, deren Kraft aber durch einen Vorgang der Re-Konstruktion gleichzeitig sabotieren und in den Dienst der Subversion herrschender Machtstrukturen stellen.“
 
 
Stimmen der Weltpresse
 
Die  Literaturwissenschaftlerin, die das formuliert hat, gibt es vermutlich wirklich. Und falls sie nur ein Pseudonym für eine selbstinterpretatorische Auskunft des Autors sein sollte (Hammerschmitt hat ihre Arbeit ins Netz gestellt) wäre es auch nicht weiter verwunderlich. Denn erstens ist Hammerschmitt studierter  Literaturwissenschaftler (und Philosoph mit Abschlussarbeit über Adomos „Minima Moralia“), andererseits mit Humor ausgestattet.
 

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