Aufgehört, Montaigne zu lesen, zweihundert Seiten waren dann doch genug. Schon klar, warum der in den letzten Jahren zu den Lieblingen gehört. Was Besseres für die tapsig herumsuchenden Wertepfadfinder des "neuen" Bürgertums gibt es ja kaum. Alles da: Antiintellektualismus und der Sinn fürs Praktische, die Liebe zur prästabilierten Harmonie in der Gesellschaft (die Tugend des Gehorsams inbegriffen), die Gelenkübungen in Treu und Redlichkeit (Ausnahmen muss es aber auch geben, und die reichlich), der Stoizismus als Schmerzlosigkeitstraining, der Rückbezug auf die Antike, mit dem heute Experten wie Durs Grünbein und Raoul Schrott ihr Kunstgewerbe aufhübschen. Wo wir gerade von der Garnitur sprechen: Die Liebe zur Poesie bekennt Montaigne natürlich auch (ein bisserl Kultur gehört halt dazu), wie die Frauen zu nehmen sind, ist ihm klar, eine Bescheidenheitsgeste hier und da macht sich immer gut, bevor wieder auf die Weltgeschichte eingedengelt wird. Ach, wie kommt das fein zu liegen auf den Nachttischen der neuen alten Spießer, zwischen irgendeinem Dreck von Kostolany (oder Henkel) und Sun Tzus Kriegskunst. In der Schublade findet sich wie immer das Neue Testament, bei Bedarf griffbereit. Für so was hab ich keine Zeit.
Montaigne am Stück von vorn bis hinten weglesen zu wollen, ist ein bisschen verwegen; das ganze Büffet auf einmal - da kann man sich schon mal den Magen verderben. So wie die Bücher angelegt sind, eher was zum Blättern und häppchenweisen Gebrauch. Man sucht sich die leckeren Bissen raus und lässt den Nudelsalat stehen.