Und dieses schnöselhafte Gerede, dass das Internet ohnehin nur ein Haufen Müll sei, flickr ein Scheiß, E-Mail längst unbenutzbar etc. etc., finde ich auch nicht mehr so prickelnd, vor allem, wenn es von Medienfüxen abgesondert wird, die sich sonst jederzeit für befähigt halten würden, zwischen Töpfchen und Kröpfchen zu unterscheiden. Was drücken sich in diesem Gelaber denn für enttäuschte Erwartungen aus? Dass das Netz eine Art unantastbares Shangrila hätte sein sollen, in dem der Kapitalismus nicht stattfindet? So läuft das nicht, ihr lieben Häschen. Langeweile ist langweilig. Ganz im Gegensatz zum Internet. Ich treibe mich seit bald zwölf Jahren in diesem Biotop herum, ich habe ihm einiges zu verdanken, unter anderem eine andauernde éducation sentimentale, die ohne Netz einfach nicht zu haben ist, und ob ihr's glaubt oder nicht, Internetzdurchblicker, ich halte das soziale Instrument, das ihr andauernd zur Dokumentation eurer Langeweile benützt, für interessanter denn je.






Ganz genau, danke. Vom Wissenschaftlichen Arbeiten mal ganz zu schweigen. Wenn ich in irgendeinem Paper etwas lese, das ich nicht verstehe, kann ich es sofort nachlesen, kann mir sofort in den Referenzen das entsprechende andere Paper mit den Grundlagen runterziehen, kann mir sofort bei Wikipedia eine kompakte beschreibung holen und mir von Leo alle Wörter, welche ich nicht verstehe übersetzen lassen. Kann ich mir gar nicht mehr anders vorstellen, bzw. es scheint mir unendlich mühsam, nicht sehr schnell auf das vorhandene Wissen zugreifen zu können.


Aber, aber, aber, das ist doch alles ... ungenau! Und in der Wikipedia sind - Fehler! Das hat's doch früher nicht gegeben!


Früher war das Herrschaftswissen besser abgeriegelt; so konnte man auch die Fehler leichter für sich behalten.


Habe ich gerade auch so ähnlich gedacht. ;-) - Das Müllargument geht mir seit zig Jahren auffem Sack. 96 wars Kriminalität, Gewalt und Porno, die durch das Netz verbreitet würde. Große Gefahr für Jugend, Leib und Seele wurde von Spiegel und Konsorten heraufbeschworen. Die Lackaffen in den Redaktionen schienen wirklich dran geglaubt zu haben. War wohl nix, hää!

Und nun erlauben Sie mir die Frage, was bedeutet éducation sentimentale?


Es ist die Lücke in der deutschen Wikipedia; im französischen Titel heißt es:

1869 veröffentlicht ist die "Die Erziehung des Herzens" [der dt. Titel des Romans, Goncourt] ein Roman von Gustave Flaubert. Er wird oft als ein Hauptwerk der Weltliteratur betrachtet, zu dem es wenige Gegenstücke gibt. Geschrieben nach völlig neuen erzählerischen Regeln, den Bildungsroman neu erfindend, um ihm eine nie erreichte Tiefe und Schärfe zu geben, ist er nach Proust zu einem Referenzbuch für Romanciers des 20. Jahrhunderts geworden, trotz einer schlechten Aufnahme in der zeitgenössischen Kritik."

Wie jemand in der bürgerlichen Gesellschaft erwachsen wird. (Und darüber hinaus noch heute ein Referenzwerk - s.o. - für unerbittliche Prosa)


Vielen Dank. Wieder etwas gelernt.