9.6.

Verpeilter Ausflug zu Miró. In der Hitze zwei Stunden Fahrt mit dem Überlandbus, dann in Palma noch einmal zwanzig Stationen bis zum Miravent - dass die Kinder nicht schon da völlig durchgedreht waren, ein Wunder. Ein Betonslum in der Nähe der Fundació Miró - alles schon von außen kaputt, die Geschäfte im Erdgeschoss aufgegeben und zugenagelt, an den Balkonen hier und da Miet- und Verkaufsangebote; im halbgefüllten Pool, der sicher einmal ein Luxusmerkmal der Anlage gewesen ist, schwammen Palmenäste und jede Menge anderer Dreck, benutzen konnte man den Siffteich nicht mehr, nur noch am Rand auf den Betonbänken sitzen, wie es zwei ältere Frauen taten als wir vorbeikamen. Derb aussehende Jugendliche tauchten auf, der eine davon mit Gips am Arm, niemand beachtete uns jenseits des Zauns, aber wir zogen trotzdem die Köpfe ein vor der Armut und ihren Kollateralschäden. Dann die Fundació: Erstklassige moderne Architektur, die wenigen Bilder wunderbar gehängt und präsentiert, ich war entzückt von den weniger gefälligen Sachen Mirós, die dort zu finden sind. Als Gastkünstlerin war eine Japanerin mit ästhetisch ansprechendem aber inhaltlich leerem Zeug vertreten - wunderschöne blaue Papierboote, die von der Decke hingen, dazu eine goldene Tapete, bedruckt mit irgendwelchen Texten in x verschiedenen Sprachen - A prayer for Peace. Die abstrakte Friedensliebe wieder einmal. Eine Wand zum Mitmachen gab's auch, da konnte man seine persönliche Meinung zum Frieden hinterlassen. Ein paar Mal war zu lesen: Peace is an illusion. Allerdings, dachte ich. Die Slumbewohner zweihundert Meter weiter hatte ich dabei gar nicht mal im Sinn, denn ich hatte sie schon vergessen. Mirós Atelier, voller Staffeleien. Gewitterwolken. Zurück mit Stadtbus, Landbus und Taxi. Zu wenig Ergebnis für zu viel Aufwand.

10.6.

Später noch erfahren, dass sich in Sichtweite der Elendsbauten auch die mallorquinische Residenz des spanischen Königs befindet (eben jener Palau de Miravent).

Ach, ein bisschen fängt der Abschiedsschmerz an.

11.6.

Urlaubslektüre: An Artist of the Floating World. Was ein erstaunliches Buch. Das beinahe pointillistische Portrait eines Menschen, der aus Rebellion und Ehrgeiz zum Faschisten wird - hingepunktelt von der Person selbst, in einem langen Brief an den Leser. Masuji Ono wird gegen den Willen seines Vaters Künstler, durchläuft eine sehr japanische Karriere als Schüler verschiedener Meister, entwickelt und perfektioniert seine Kunst, und als ihn sein Ehrgeiz in einem nochmaligen Akt des Aufbegehrens in den Einzugsbereich des aufkeimenden japanischen Faschismus hineinkatapultiert, ist er verloren. Er wird zum Propagandisten des "neuen Japan", leiert Kampagnen für die Aggression gegen China an, bringt den eigenen Meisterschüler durch Denunziation ins Gefängnis - aber in seinem Rückblick sieht alles aus wie die natürliche Entwicklung einer Künstlerkarriere, die durch die Niederlage Japans im zweiten Weltkrieg abrupt und ungerecht beendet worden ist. Die Selbsttäuschungen, mit denen Ono um eine Würde kämpft, die er längst selbst weggeschmissen hat. Die Widersprüche, in die er sich bei seiner Lebensbeichte verwickelt. Die politische und ökonomische Ahnungslosigkeit, mit der er das nach amerikanischem Vorbild gemodelte Nachkriegsjapan gleichzeitig verachtet und bewundert. Das ständige Leugnen einiger Grundkonstituenten des eigenen Charakters (Ehrgeiz, Machtwille, Intrigantentum). Die jämmerlichen Versuche, den Enkel Stolz und japanische Werte zu lehren. Der Alkoholismus. Ishiguro baut eine Maschine mit bestimmten Konstruktionsmerkmalen, zieht sie auf, und lässt sie dann laufen. Nur ab und zu greift hier und da mit leichter Hand ein, wenn es allzu automatisch und folgerichtig, allzu symmetrisch zu werden droht. Man sieht den Eingriff gar nicht, man erkennt nur seine Wirkung am eigenen Herzklopfen - als erkenne das emotionale Sensorium eine Störung, die eigentlich zur Katastrophe führen muss. Aber nein. Zum Schluss löst sich alles in einer Altersmilde auf, die man dem Herren mit dem Gehstock, der einmal ein giftiger Propagandaschmierer war, fast gönnt. Eine perfekte Illustration von Adornos Sätzen zur Sanftheit alternder Monstren: Nach einem so langen Leben weiß man schon gar nicht mehr zu unterscheiden, wer wem was angetan hat. In der abstrakten Vorstellung des universalen Unrechts geht jede konkrete Verantwortung unter. Der Schuft wendet sie so, als ob es gerade ihm widerfahren wäre: wenn Sie wüßten, junger Mann, wie das Leben ist.

Alles gepackt, alles eingesackt und geklärt. Würde ich noch einmal mit Familie hierher fahren? Aber sicher.

















Es gab auch echte.