Rudolf Lorenzen, Alles andere als ein Held. Was für ein seltsames Buch. Die Geschichte eines radikal Gedemütigten, dem der Weg verbaut ist, sich an noch Schwächeren zu rächen. Ein jahrzehntelang verhinderter Flüchtling aus einer Kleinbürgerhölle, wie sie selten plastischer gezeichnet wurde. Die Mutter - so viel Terror in einer Person, man glaubt es kaum. Robert geht aufs Gymnasium, lässt sich von seinen "Freunden" unterdrücken und ersinnt schon als Kind ein Spiel, das "Deportierter" heißt. Eine klare Parallele zu dem, was Adorno in "Der böse Kamerad" beschreibt:

Eigentlich müßte ich den Faschismus aus der Erinnerung meiner Kindheit ableiten können. Wie ein Eroberer in fernste Provinzen, hatte er dorthin seine Sendboten vorausgeschickt, längst ehe er einzog: meine Schulkameraden. Wenn die Bürgerklasse seit undenklichen Zeiten den Traum der wüsten Volksgemeinschaft, der Unterdrückung aller durch alle hegt, dann haben Kinder, die schon mit Vornamen Horst und Jürgen und mit Nachnamen Bergenroth, Bojunga und Eckhardt hießen, den Traum tragiert, ehe die Erwachsenen historisch reif dazu waren, ihn zu verwirklichen.

Dann die Lehre in einem Handelskontor, dann der Krieg, dann Gefangenschaft in Sibirien. Eine Kette an Katastrophen, die mit einer seltsamen Mischung aus Schicksalsergebenheit und utopischer Hoffnung auf Freundlichkeit erlebt, danach auch mit der passenden Sprache aufgeschrieben worden ist. Der quälend langsame Emanzipationsprozess kommt erst von der Stelle, als Robert alle Wertvorstellungen der Gesellschaft über den Haufen wirft und sich durch Kleinkriminalität einen Geldbetrag zusammengaunert, mit dem er dann später in Lübeck eine Handelsfirma gründet. Dort ist er der Chef, ein Chef, der nicht glaubt, dass er die Verhältnisse ändern kann, aber der seine Angestellten wenigstens wie Menschen behandelt. Emotional gibt er mehr, als er je bekommen hat, ökonomisch ist es natürlich umgekehrt. Dennoch, als er in den Büchern feststellt, dass der Gewinn zu gering ist, schlägt er die übliche Strategie (Kostenminimierung) in den Wind - ein Wirtschaftswundermärchen. Zum Schluss: la vie est presque belle.

Die scheinbar dahinplätschernde Handlung verdichtet sich nur an wenigen Stellen zu kalten Eruptionen. Warum schlug mir beim Lesen dann so oft das Herz im Hals?