Was ein echter Spezialdemokrat wie der Otto Schily ist, der kennt sich nicht nur aus mit der Innenpolitik, der sieht sich nicht nur aufgehoben in einer Hierarchie höherer Wesen und ist nicht nur mit dem Dalai Lama per Du, sondern der blickt auch durch beim Christentum und seinen Mysterien. Und wenn er diesen Durchblick öffentlich dokumentieren will, wie zum Beispiel bei einer Rede aus Anlaß der Heiligsprechung von Crescentia Höß, dann riskiert er jede Stilblüte, dann ist ihm keine Phrase zu platt, dann gibt er alles, um auch von den Katholen geliebt zu werden. Unser Innerlichkeitsminister, der eilige, heilige Otto.






Re: Der Innerlichkeitsminister

Ist immer beliebt, dieses »Wir sind sekulär ... aber sekulär ist natürlich scheiße ohne Kirchenmoral.« - keine Ahnung, wie oft ich das in diesem Jahr schon gehört habe. Schily hat hier garantiert die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich.

»Bedeutende Mystikerin«, hihihi.


Re: Re: Der Innerlichkeitsminister


Du meinst >säkular<, nicht? Das ist genau einer der Knackpunkte: In Wirklichkeit findet hier eine Hochzeit von Thron und Altar statt, die sich gewaschen hat. Aber weniger offensichtlich ist der seltsam gefärbte Subtext, der eine Umdeutung christlicher Traditionen darstellt. Folgende bemerkenswerte Sätze haben einen inneren Zusammenhang:

"Danach kann zwar der Staat die politische Freiheit des Bürgers durch einzelne Freiheitsrechte sichern, nicht aber die sittliche Freiheit gewährleisten, nämlich den verantwortlichen und solidarischen Gebrauch von Freiheit, zu dem das Wissen anleitet."

"Das Christentum kann wieder neue Kraft gewinnen, wenn es sich nicht in bloßer religiöser Rhetorik verflüchtigt, sondern Auge und Ohr für geistig-seelische Realitäten öffnet."

"Alle Wissenschaft bleibt Stückwerk ohne Selbsterkenntnis des Menschen, zu der wir uns befähigen, die wir uns erarbeiten müssen."

Welches "Wissen", welche "geistig-seelischen Realitäten" und welche Wissenschaftskritik ist hier gemeint? Wer sich ein wenig mit dem Gerede Rudolf Steiners auskennt, dem kommt all das seltsam bekannt vor (1 | 2). Am schärfsten finde ich aber:

"Sie zeichnete sich schon zu ihren Lebzeiten durch große Volksnähe aus."

Da steckt der ganze Unfug komprimiert drin. Starkes Stück, diese Rede, würde ich sagen.


Re: Der Innerlichkeitsminister

Oh, säkular natürlich. Antville & alcohol don't mix.

»Der moderne Pluralismus im säkularen Staat ist zwar einerseits für unser Verständnis von Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung wichtig, bietet aber andererseits vielen Menschen kaum Orientierung über Welt und Gesellschaft, persönliche Lebensführung und Identität.«

Darauf läuft's doch jedesmal heraus: Wir sind alle zu blöd, um eigene Werte zu finden, also sollen wir sie uns von irgendjemand anders aufdiktieren lassen. Das hat ja in der Vergangenheit schon so gut geklappt.

In den USA ist Atheistenfressen wohl auch nichts ungewöhnliches. Wie war das noch, Bush senior sah Ungläubige nicht mal als Bürger an?


Re: Re: Der Innerlichkeitsminister


Schily kann an seinen Esoterikeintopf so lange glauben, wie er will. Nur möchte ich nicht, daß er das im Namen einer Regierung tut, die (angeblich) für uns alle spricht. Diese Rede konterkariert Schilys eigenes Lippenbekenntnis, einen weltanschaulich neutralen Staat zu vertreten. Was insofern ein klärendes Licht auf die Behauptung wirft, es könne so etwas überhaupt geben wie einen weltanschaulich neutralen Staat. So gesehen ist er als unfreiwilliger Aufklärer der ideale Mann für den Job.


Passend zur Jahreszeit

Amen, ich sage euch: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass sich ein deutscher Politiker mit der Kirche anlegt.

Insofern ist es aber immer wieder total niedlich, dass die religiös Verbrämteren aus dem konservativen Lager immer noch so tun, als würden die Sozen irgendwas gegen die Ordnung des CHRISTLICHEN ABENDLANDES anstellen. Wenn das nicht alles so traurig wäre, dann möchte man fast lachen.


Re: Re: Der Innerlichkeitsminister

Sich anlegen? Echte Neutralität wäre ja schon eine Kriegserklärung.