Ich bin sehr seßhaft. In dieser Stadt lebe ich seit siebzehn Jahren, und seit siebzehn Jahren gehe ich bervorzugt in eine bestimmte Kneipe, um einen Pfefferminztee zu trinken und dabei den Spiegel, die taz, die konkret, die Titanic durchzublättern. Nicht, dass ich nicht auch andere Kneipen hier kenne - ich sagte "seßhaft", nicht "autistisch". Aber es ist eben diese eine, die mir am besten gefällt. Seit siebzehn Jahren. Ich habe ganze Generationen von Studentinnen hier bedienen sehen. Einer habe ich sogar mal einen Sekt spendiert, vor zehn Jahren oder so. Trinkgeld gab's von mir immer, auch wenn ich beim Rausgehen an der Theke zahlte. Aber heute geschah etwas sehr trauriges. Ich wollte gerade die Tür zu dieser einen Kneipe aufstoßen, da fiel mir auf, dass sie ganz anders aussah. Schrecklicher Moment der Wahrheit, jenes Zerscherben der bis dahin as granted genommenen Wirklichkeit: Umbauarbeiten im Gange. Ich lugte durch die erleuchteten Fenster, und mir war sofort klar, dass sich eine Katastrophe anbahnte. Statt dem gemütlich verlotterten Ambiente von einst - helles Holz und rote Armaturen. Absolutes no no: Die Theke steht jetzt dort, wo sonst mein Lieblingsplatz war. Ein Mann, den ich noch nie dort gesehen habe, hantierte besitztuerisch an dem ganzen Schnickschnack herum. Möglicherweise handelte es sich um den neuen Pächter. Er wirkte wie ein Studienrat. Kein Vergleich gegen den sympathisch zupackenden Kneipier von einst, übrigens der einzige, den ich je in dieser Stadt einen Gast vor die Tür habe setzen sehen, aus völlig verständlichen Gründen. Es scheint nicht einmal sicher, dass die Kneipe noch den gleichen Namen haben wird, von taz, Spiegel, konkret und Titanic ganz zu schweigen. Ich fühle mich mit diesen Vorgängen, als sei mein Wohnzimmer gestorben. Sehr schlecht.
Grauenhaft. Mir ist in München ähnliches mit meinem Lieblingslokal passiert. Der Pächter: Ein türkischer Marxist, der in seine Tische Gedichte von Nazim Hikmet eingebrannt hatte. Das Essen: Ungeniessbar. Heute ist das Essen prima, aber die Tische sind raus und der türkische Marxist Kellner im Hofbräuhaus. Nein, ich habe diese Geschichte nicht erfunden.
So geht das Leben. Aber man muss einen Platz haben in der Welt. Am meisten bin ich konsterniert über meine eigene Irritation. Man muss einen Platz haben in der Welt.
Noch schlimmer ist es allerdings, wenn es ein Platz war, an dem man gut schreiben konnte. Ich hatte mal so eine Zeit, da konnte ich nur im Café schreiben. Wenn sich das dann verändert, muss man sich neu einstellen, wieder rauskriegen, was man konsumieren kann und was nicht und wie tolerant die Bedienung ist, wenn man lange rumsitzt und nur wenig konsumiert, wie das halt so ist.
Ich weiß nicht genau, was das war. Ein Anker. In den letzten Jahren fiel mir auf, dass ich mich mit neuen Freunden und Freundinnen immer dort zuerst traf. Da haben schöne Sachen ihren Anfang genommen. Ein gutes Gespräch dort, und es bestand Aussicht. Was dort nicht ging, konnte sonst auch nicht gehen. Ich übertreibe. Aber ich mag noch nicht akzeptieren, dass ich vertrieben bin.
Herzliches Beileid!
Was mich angeht: Ich glaube, ich will doch keine Antwort auf eine nostalgische Frage. Reicht ja schon, daß mein Lieblingspark in Wien saniert wird/wurde. Ich fürchte mich ein bißchen vor dem Wiedersehen.
Der Laden, den ich meine, war nicht im entferntesten so wild wie das, was du beschreibst, erinnerte mich wohl aber all die Jahre subkutan an ein Ding namens Café Blümche in Völklingen / Saar, wo ich zum Schuleschwänzen ... jetzt hör ich aber auf, das ist ja schlimm hier.
Koinzidenz oder großes Kneipensterben...
Ich sah mich eigentlich nie gerne als ausgesprochen seßhaft, war's aber wohl doch schon immer irgendwie... und nach inzwischen mehr als zehn Jahren am selben Ort kann ich's auch nicht mehr leugnen. Es ist dieselbe Kleinstadt, in der ich schon das Gymnasium zu besuchen die Qual gehabt hatte, dessen Abschluss sich nächstes Jahr zum zwanzigsten Mal jährt, man will gar nicht dran denken. Während des Besuchs der Oberstufe begann ich, abends gelegentlich den ortsansässigen Pub zu besuchen, der vor knapp drei Wochen erschreckend plötzlich schloss; ich bekam Sonntags - Montag war immer Ruhetag im Pub - einen Anruf, "der Tom hat dicht. Und der macht am Dienstag nicht wieder auf", ich war zuerst nur verstört, begriff dann auch angesichts des ernsten Tons des Vortrags den Ernst der Lage, war dann plötzlich richtiggehend schockiert, und gleich darauf schockiert über meine eigene Schockreaktion...
Ich wohnte nach der Schule mal ein paar Jahre hier, mal ein paar Jahr dort, und wenn ich zwischendurch wieder zurückkam, wurde ich im Pub schon seinerzeit wie ein Freund begrüßt, der eigentlich gar nicht weg gewesen war. Einige meiner engsten Bekanntschaften haben sich dort entwickelt oder wurden dort zumindest intensiv gepflegt, Beziehungen haben dort begonnen und sich nach Jahren wieder zu ebenfalls dort weitergepflegten Freundschaften zurückverwandelt. Mein Umzug vom nahegelegenen Dorf in die Kleinstadt Anfang letztes Jahr hätte so nicht stattgefunden, hätte es die Kneipe nicht gegeben. Seitdem treffen sich ein paar von uns wie versprengte Heimatlose ersatzweise in dem Laden, den die zuvor jahrzehntelang im Pub tätige Bedienung jetzt übernommen hat. Vor ein paar Tagen traf ich eine Bekannte, noch deutlich länger als ich Pub-Gast, auf der Straße; sie blieb stehen, sah mich an und sagte nur, "es ist schrecklich, oder"? Es ist tatsächlich das Gefühl, man hätte einem auf alle Zeit das Wohnzimmer zugeschlossen. Mit dem Pub - dessen Wirt, nebenbei bemerkt, auch in seinem ausnahmsweisen Verhalten besonders unangenehmen Gästen gegenüber eine ähnliche Ausnahmeerscheinung wie Deiner gewesen zu sein scheint - verschwindet ein Stück Lebenswirklichkeit, und ein Stück Lebensqualität; in der Kleinstadt findet sich eine solche Kneipe nicht nochmal, selbst die nächste Großstadt hat da ihre Grenzen. Sehr unschön, das alles.
Ich werde das natürlich nicht widerstandslos hinnehmen. Wenn dieser runderneuerte Laden aufmacht, gehe ich hin, teste alles so gründlich, als sei ich im Auftrag des Guide Michelin unterwegs, und danach schreibe ich hier einen Testbericht, der evtl. auch nur aus einem Wort bestehen kann. Außerdem bin ich im Besitz einer E-mail-Adresse. Der kann gleich wieder zumachen, dieser Studienrat, wenn er wirklich Mist gebaut hat. Manchmal ist das Nichts besser, als ein Ersatz.
Stein vom Herzen
Ich war heute wieder dort, und was soll ich sagen? Große Erleichterung. Der Laden heißt noch so, der Pächter ist noch derselbe, die Zeitungen sind noch da, das altvertraute Schluffipublikum auch (einige Touristen drehten an der Tür wieder um, ich sah es nicht ohne maliziöses Vergnügen), und die innenarchitektonische Yuppifizierung hält sich in Grenzen, könnte in Teilaspekten sogar Vorteile aufweisen. Fazit: Mein Wohnzimmer ist renoviert worden, aber noch benutzbar. Wer mich besuchen kommt, den bitte ich, dort Platz zu nehmen.