Der findige Saboteur.
OT, aber vielleicht wissen Sie ja mehr...
Würde gerne diesen Link verfolgen, aber habe keinen Zugang mehr zu hirnverbr.antville. Ist das ein solcher Moment, wo die Verlustangst um sich beißen wird, oder ist es schlicht zu einer geschlossenen Gruppe geworden?
Der findige Saboteur
William Gibson hat wieder einen neuen Roman geschrieben, und wieder mit Bravour daneben gehauen.
Was den aktuellen Roman "Pattern Recognition" von William Gibson angeht, gibt es eine gute Nachricht und eine schlechte. Die gute geht so: Wenn man in den letzten Jahren davon ausgehen musste, dass Gibson immer wieder sein eigentliches Ziel verfehlte, einerseits zur Form von "Neuromancer" (1984) aufzuschließen und andererseits Thomas Pynchon Konkurrenz zu machen, dann kann man erleichtert feststellen, dass er dieses Stadium hinter sich gelassen hat. Erstens schreibt er heute besser als damals, stilsicherer, zupackender, genauer. Zweitens hat er die Verfolgungsjagd im Windschatten der großen Geheimniskrämer der amerikanischen Gegenwartsliteratur (de Lillo, Pynchon) aufgegeben. Ergebnis: "Pattern Recognition" ist eigentlich großartig.
Die schlechte Nachricht ist: Gibson wäre nicht Gibson, wenn er sein großartiges Buch nicht doch an irgend einem Punkt beschädigen würde. Statt ohne großen Firlefanz sein Ding zu machen, fängt er irgendwann in der Mitte des Rennens an zu saufen und torkelt nur mal gerade so eben ins Ziel, zwar immer noch lange vor den anderen, aber doch peinlich betrunken. Wenn Günter Hack ihm in "Telepolis" vorwirft, dass "wirklich alles da ist, was schon mal dagewesen ist", dann stimmt das. Und wenn ihm Vali Djordjevic in der "Jungle World" weiterhin große Sensibilität und Erzählkunst attestiert, dann stimmt das auch. Man fragt sich, worauf es bei dem Buch mehr ankommt. Und man fragt sich, wie Gibson sich immer wieder selbst sabotiert.
Die ersten fünfzig Seiten dieses Buchs gehören zum Besten, was er je geschrieben hat. Das ist keine Kleinigkeit in einem Feld, in dem er ohnehin zu den lifetime champions gehört, und in dem er schon eine Menge Leistungen vorgelegt hat, die ihm so schnell keiner nachmacht. Das große Gewese darum, ob "Pattern Recognition" Science Fiction ist oder nicht, ist übrigens reichlich überflüssig. Wer will, kann "Pattern Recognition" als Beleg dafür sehen, dass echte Gegenwartsliteratur phantastisch ist, weil unsere Lebensumstände immer phantastischer werden. Wer das nicht will, kann es auch bleiben lassen und Einordnungsfragen ganz vergessen.
Es stimmt zwar, dass der Roman ein Motiv aus "Count Zero" (1986), dem Nachfolger von "Neuromancer" aufgreift. Cayce Pollard, die Heldin von "Pattern Recognition", hat im Grunde das gleiche Problem, wie schon Marly Krushkova: Es gibt mysteriöse Kunstwerke, die an allen Ecken und Enden der Welt resp. der Internets auftauchen, deren Autoren aber verborgen bleiben. Ein mächtiger Klient möchte wissen, wer der Autor ist, und die Heldinnen sollen es herausfinden. Im Falle Marlys ging es um kleine Boxen, die melancholische Anordnungen von objets trouvés enthielten, bei Cayce sind es kurze Videofilme von unglaublicher Eleganz und Perfektion, die in unregelmäßigen Abständen an den obskursten Ecken des Internets gepostet werden, damit ihre Fans sie zufällig finden, diskutieren, neu gruppieren, neu schneiden, kurz gesagt: einen Kult darum herum veranstalten. Marly wurde von einem superrreichen Kunstliebhaber auf die Piste geschickt, Cayce arbeitet auf Rechnung eines PR-Fachmanns. Dass beide Belgier sind, ist ein Hinweis darauf, dass Gibson sehr wohl weiss, dass er sich hier in seinem eigenen Fundus bedient. Hat er also bei sich selber abgeschrieben und ist auch noch so unverschämt, das dem Leser auf die Nase zu binden? Nein. Es sind vor allem drei Dinge, die verhindern, dass er sich einfach selbst wiederholt.
Erstens verändert die Rekontextualisierung alles. Was in "Pattern Recognition" passiert, konnte zum Zeitpunkt der Entstehung des Buchs, zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung und zum Erzählzeitpunkt (2002) passieren. Da Gibson es schafft, seine Intensität zu bewahren, geschieht die Zukunft in "Pattern Recognition" wirklich jetzt, manchmal auf atemberaubende Weise. Der zweite Grund, weswegen "Pattern Recognition" neu ist, besteht in einem unmerklichen Stilwandel, den Gibson seit Mitte der Achtziger durchgemacht hat. Er schien immer derselbe zu sein, aber in Wirklichkeit schreibt er heute viel sparsamer, genauer und glaubwürdiger als damals. Einerseits zwingt ihn das zeitgenössische Szenario, bestimmte Mätzchen von früher sein zu lassen, so zum Beispiel eine entnervende technologieverliebte Über-Coolness, die zu Zeiten von "Count Zero" manchmal ins unfreiwillig Komische kippen konnte. Auf der anderen Seite macht die scharfkantige Nüchternheit seines neuen Stils das Szenario wiederum plastischer als alles, was Gibson vorher kreiert hat. Er hat es jetzt in der Hand, die surreale Fremdartigkeit seiner Cyberspace-Phantasien von früher in einen gleißenden Realismus umschlagen zu lassen, der nicht nur die meisten Science Fiction-Autoren hinter sich läßt. Bei den besten Stellen von "Pattern Recognition" ist die situative Genauigkeit seiner Dialoge und Szenen unerhört. Niemand stellt die Machtverhältnisse und den Stand der menschlichen Beziehungen in einer digitalisierten, hyperkapitalistischen Welt so treffsicher dar wie Gibson. Wenn Cayce in einer Szene mit den notwendigen technischen Gadgets (Laptop, Handy, Kreditkarte, Zubehör) für die Ausführung ihres Auftrags ausgestattet wird, verwebt Gibson Cayces scheinbare Freiheit und die tatsächliche Diktatur der Umstände so fein miteinander, dass sie kaum noch zu trennen sind. Die Faszination für ihren Auftrag und der Verdacht der totalen Heteronomie werden mit einer ungeheuren Lässigkeit als zwei Aspekte ein und derselben Sache dargestellt - und zwar nicht durch innere Monologe oder durch langatmige Reflexionen, sondern aus den Situationen selbst heraus. Der dritte Grund (im Zusammenhang mit den beiden ersten) für die überragende Qualität von "Pattern Recognition" ist die Heldin - Cayce. Mit dem ersten ihrer beiden zentralen psychischen Konflikte hat Gibson sowiesovon Seite 1 ab gewonnen. Ein weiblicher Trendscout, dem eigentlich beim Anblick überbeworbener Firmenlogos vor lauter Reaktanz schlecht wird, der aber genau diese Sensibilität dazu benutzt, um als Orakel für die Bewertung neuentworfener Firmenlogos arbeiten zu können - das ist schon ein sehr schönes Bild für die Lage der Kreativen in der Warenwelt. All diese Pluspunkte machen Gibsons Roman in einem emphatischen Sinn modern.
Die Probleme beginnen mit dem zweiten zentralen psychischen Konflikt, den Gibson seiner Heldin aufpackt. Ihr Vater Win, ein ehemaliger CIA-Angestellter und als solcher seinerzeit Sicherheitsbeauftragter der US-Botschaft in Moskau, ist ausgerechnet am 11.9.2001 in der Nähe des World Trade Centers gewesen. Man nimmt an, dass auch er unter den Ermordeten ist. Aber beweisen kann man es nicht, was nicht nur allerlei legale Probleme mit der Hinterbliebenenrente etc. hervorruft, sondern vor allem psychische. Der Geist des untoten Vaters ist mehr oder minder die ganze Zeit mit Cayce. Dass ihre Mutter, Anhängerin eines Kults, der auf unbespielten Audio-Cassetten die Stimmen der Toten zu vernehmen glaubt, ab und zu die neuesten Nachrichten Wins aus der Totenwelt per E-Mail übermittelt, macht die Sache nicht einfacher. Leider hat Gibson die schriftstellerischen Mittel zur literarischen Aufarbeitung von 9-11 nicht, oder er kann sie nicht anwenden. So, wie er die Sache anlegt, könnte man auf die Idee kommen, dass er einfach den Weg des geringsten Widerstands gegangen ist, weil er zu faul war, und so wird aus der historisch zum Bersten aufgeladenen Konstellation ein Familienrührstück der handelsüblichen Art. Nicht nur, dass Cayce natürlich am Tag des Anschlags auch in New York war - just in dem Moment, da das erste Flugzeug in den Nordturm des WTC krachte, beobachtete sie das Blütenblatt einer verdorrten Schnittblume beim Fallen. Der vielleicht tote Vater erscheint in ihren Träumen und gibt ihr Hinweise, die ihr die Ausführung ihres Auftrags erleichtern. In einem Moment der tödlichen Gefahr ruft er sie aus den Tiefen ihres Unterbewußtseins zum Kampf gegen eine Gegnerin auf, die ihr mit einem vergifteten Glas Mineralwasser beikommen will. Das alles wird noch verschärft durch Gibsons politische Unbedarftheit. Solange der CIA-Vater in Cayces Erinnerungen als ein Profi auftaucht, der weiss, was in seinem Job von ihm erwartet wird, wirkt er klar und stark gezeichnet. Cayces Erinnerungen an die Maximen, mit denen er seinen Berufsalltag zu bewältigen versuchte, seine Ratlosigkeit zu den esoterischen Verwirrungen von Cayces Mutter und andere Details gehören zu den stärkeren Seiten des Buchs. Wenn sie sich an seine politischen Standpunkte erinnert, wird's aber schnell fad. Über die DDR wusste er offenbar exakt das, was man als mäßig Interessierter der amerikanischen Presse schon immer entnehmen konnte. Selbst den Sowjets z.B. sei der ostdeutsche Sozialismus aufgrund seiner Ernsthaftigkeit peinlich gewesen, und die komplette Wirtschaft der DDR habe zum Schluß nur noch aus Potemkinschen Dörfern bestanden. Wenn Cayce selber nach Moskau reist, sieht sie in der ganzen Stadt praktisch nichts anderes als stalinistische Repräsentationsbauten, die nie einen anderen Zweck haben konnten, als den Betrachter architektonisch zu unterjochen.
Zu der mangelnden Tiefenschärfe dieser propagandageschwächten Passagen passt die Schlamperei im historischen Detail. In dem Roman spielt auch der österreichisch-jüdische Feinmechaniker Curt Herzstark eine Rolle. Curt Herzstark entwickelte 1935 ein radikal neues Konzept zu einer tragbaren mechanischen Rechenmaschine.Trotz seiner Verschleppung ins KZ Buchenwald durch die Nazis konnte er daran weiterarbeiten und kurz nach dem Krieg funktionierende Prototypen vorweisen, später gingen die "Curtas", wie wie sie genannt wurden, auch in Serie. Herzstark überlebte den Terror nur, weil die SS an seinen Rechenmaschinen interessiert war und ihn im "Gustloff-Werk" "Intelligenz-Sklavendienst" leisten ließ (Herzstarks eigene Bezeichnung). Ganz ähnliches passierte ja den Gefangenen, die Wernher von Braun in Buchenwald requirierte, damit er sie zur Arbeit an seinen Raketen im "Mittelwerk" missbrauchen konnte.
Das stellt Gibson soweit korrekt dar, nur um dann mit der lapidaren Bemerkung zu schließen: "But Buchenwald was liberated in 1945 by the Americans." Die halbe Wahrheit ist hier die ganze Lüge: den Anteil des kommunistischen Lagerwiderstands an der Befreiung Buchenwalds unterschägt er, weil seine Erwähnung den antikommunistischen Sottisen von Cayces Vater widersprechen würde. Zudem würde dadurch eine der Curtas, die später Cayce auf die entscheidende Spur bringt, mit dem Stigma belastet, quasi durch kommunistische Geburtshilfe in die Welt gekommen zu sein.
Die historischen Details interessieren Gibson nicht allzu sehr - ein roter Faden, der sich durch sein ganzes Werk zieht. Die Curtas sind nur ein Bühnenrequisit für seinen Plot, das er herbeizitiert und dann wegschickt, wie es ihm gefällt. Darin gleicht er Autoren von viel geringerer Begabung, und es ist mehr als ärgerlich, dass er sich zu solchen leicht durchschaubaren Tricks herablässt. Bezeichnend, dass im Umfeld der Curtas auch noch eine Figur verlorengeht, aus der man sehr viel mehr machen könnte. Der schwarze Antiquitätenhändler Ngemi, auf Rechenmaschinen wie die Curtas spezialisiert, entwickelt in seinen Szenen eine wunderbare Präsenz - mit der der Autor aber nichts anzufangen weiß. Nachdem er seine Pflicht getan hat, verschwindet er sang- und klanglos im Nirgendwo. Das Auftauchen und Verschwinden Ngemis könnte eine gute Metapher für das sein, was Gibson eigentlich fehlt: mehr Leidenschaft für die historische und politische Recherche, mehr Langstreckenausdauer für die Intensität, zu der er erwiesenermaßen fähig ist.
Und so bestätigt auch das mit viel ratlosem Aufwand in Russland inszenierte Ende die Diagnose, die man schon fünfzig Seiten vorher stellen kann: Gibson hat einen exzellenten Roman mit großen Schwächen geschrieben. Weil er es dabei schafft, sich von früheren Beschränkungen freizuschwimmen, und weil er sich an manchen Stellen seinen besten Texten aus der Vergangenheit überlegen zeigt, darf man auf den nächsten Fehlschlag gespannt sein.