Wer nach einem handfesten Beispiel für den Tribalismus in Zeiten der Globalisierung sucht, braucht nicht in die entlegensten Winkel Papua-Neuguineas zu fahren. Denn die Stämme leben mitten unter uns. Kaum beachtet von der Öffentlichkeit ist die biedere Vereinsmeierei von früher durch Internetdoping zu einem modernen Primitivismus mutiert, der den Vergleich mit der Steinzeit nicht zu scheuen braucht, aber den Faustkeil mit der Computermaus vertauscht hat. Einer der gefürchtetsten Stämme sind die wilden Eisenbahner und Modelleisenbahner. Wer im wirklichen Leben nichts zu sagen hat und hinter dem Fahrtkartentresen bei der DB AG seiner Entlassung entgegendämmert, wer die Triezerei des ehelichen Hausdrachens mit der H0-Großanlage im Keller kompensieren muß, der hat im Internet die Möglichkeit, groß aufzutrumpfen: einmal Experte sein, einmal die eigene Meinung sagen, einmal etwas bedeuten. All die zwangsgestörten, anal fixierten Achszähler, die intellektuellen Knorr-Bremsen und geistigen Grobmotoriker mit Systematisierungstick und klemmender Lochzange können Könige sein, und ihr beschränktes Fachwissen breittreten, bis der Arzt kommt: in ihren Newsgroups, auf ihren Websites, in Chatrooms und Mailinglisten diskutieren sie dann über LeiBIT und ESTW, Achslagerbremsdruckregler und Selbstblock und ob der Puffer an einem Modell der berühmten 103-Baureihe im Maßstab Z auch wirklich ganz die richtige Form hat. Nie erlahmt der Kampf um Ordnung und Übersicht. Sie wissen Bescheid. Sie machen den Job seit Jahrzehnten. Sie sind Mitglieder der gigantischen Korinthenkacker-, Briefmarkensammler- und Streichholzkathedralenbaumeister-Internationale: there's strength in numbers, und ihre Kräfte sind unendlich. Zwar nicht, wenn es darum geht, sich für einen sinnvollen Gebrauch der Bahn zu organisieren, oder ihr tatsächlich faszinierendes Fachgebiet für Nichtfachleute faszinierend zu machen, aber immerhin darin, ihren kleinen elenden Vereinsmeier-Kackflecken vor jeder Beeinträchtigung von außen zu schützen. Ein Trutzbund der doof und alt gewordenen Kinder, die sich vom Kindlichen nur das Kindische bewahrt haben. Mein Schäufelchen! Meine Lok! Mein Achslagerbremsdruckregler! Und dann wird, nach erfolgter Internetschlacht, morgens wieder der Bahner-Rucksack geschultert, und man schlurft zum Bahnhof, bereit für einen neuen Tag beamteter oder angestellter Tristesse. Geldmangel? Desorganisation? Managementfehler? Aber ja doch. Außerdem hat die Bahn noch eine Menge Beschäftigte und Freunde, die nebenbei auch Kretins sind. Und viele von ihnen sind im Internet.