Vorher
Frankreichfahrt mit den üblichen Bedenken und Hindernissen: sehr früh aufstehen, unausgeschlafen, das kommende Umsteigen in Paris, leider nichts gegessen und auf die Infrastruktur der Bahnhöfe gehofft, daher möglicherweise keine Mahlzeit bis Paris, im schlimmsten Fall bis Nantes, was überhaupt nicht gut wäre. Im Internet nicht einmal ein Hinweis auf die erste Veranstaltung, an der ich teilnehmen soll; ich hoffe darauf, dass wenigstens das Hotelzimmer reserviert ist. Der dritte Tag wird der La Baule-Tag sein.
Zug holt Verspätung auf, Laune steigt. Wenn ich jetzt in Paris vielleicht sogar etwas zu essen bekomme, wird alles gut.
Im Großraumwagen spricht jemand mit einem Kehlkopfimplantat, es klingt wie eine Vocoderstimme. Was eine langsam vorbeidriftende Kölnisch-Wasser-Wolke immer noch für Verwüstungen in meinem Bewusstsein anrichten kann. Sofort wieder bei den verlorenen Sonntagen meiner Kindheit, irgend welche Tanten und Kirchgänger, die in dem Zeug gebadet hatten. Auftritt der Polizei; Zivilklamotten mit orangefarbenen Armbinden ("Police"). Papiers d’identité, s.v.p. Sehen nicht so furchtbar aus wie diese paramilitärischen CRS-Bullen, die mir schon oft genug sauer aufgestoßen sind. Trotzdem: guten Morgen, Europa. Jetzt wieder Kunstpausen wegen Güterzügen. Ich weiß nicht.
Gelbes Zirkuszelt im Regen. Grenzgebiet. Zonenrand, wie er als Kind für mich immer normal war.
Forbach. Regen. - Wenn der Sitz neben mir frei bliebe? Wahrscheinlich nicht. Oh, trinken und essen sind manchmal schon nützlich.
Der jugendliche Death-Metal-Fan neben mir, in Tarnhose und Fan-Kapuzen-Shirt, kann nicht gut zu seiner höflich leisen Kopfhörermusik dösen, weil ich mit meiner Tastatur zu laut klappere. Too bad. Schräg gegenüber liest jemand mit unglaublicher Ausdauer in einem Magazin zur militärischen Luftfart, ein echter Nerd, wie es scheint.
Die Fahrt durch das ähnliche Land. Regen, noch sattgrüne Wiesen im Novemberanfang, das spezielle Grau der Dörfer. Ich versuche, an den Zwischenbahnhöfen Werbeplakate zu entziffern. Ach, mein Französisch. Von der Decke des Waggons rieseln die Ansagen herunter. Ich verstehe, dass man Handys nicht im Wagen selbst, sondern nur in den Verbindungsscheusen zwischen den Wagen benutzen darf, und dass namentlich nicht gekennzeichnete Koffer in den Gepäckregalen verdächtig sind. Der Schaffner bestätigt mir auf Anfrage ("pardonnez moi?" oder "excusez moi?"), dass es kein Bordrestaurant gibt, aber einen service mini-bar, dessen Ankunft ich danach sehnlich erwarte.
Währenddessen
Ich fotografiere in der Umgebung des Kongresszentrums. Ein Mann mit geklebter Brille spricht mich an: Er hätte gerne ein pièce. Er spricht schnell und viel, ich verstehe wenig. Es geht nicht ums Trinken, sagt er, Essen und Miete, man muss leben, oder? Ich gebe ihm schnell ein wenig Geld, damit er mich nicht mehr zutextet. Aus welchem Land ich komme, will er wissen. Allemagne, das habe er sich gleich gedacht. Denn nur die Deutschen und die Japaner laufen in dieser Art mit der Kamera herum. Das sei eben so.
Code 46. Was für ein wunderbarer Film. Meint natürlich das uralte Drama von der unmöglichen Liebe, aber er stellt es in einer Art da, die klar macht, dass Science Fiction nicht so tot ist, wie man manchmal meinen könnte, dass sie tatsächlich etwas zu sagen hat, in gewisser Hinsicht immer noch als einziges Genre etwas zu sagen hat, denn diese Art der unmöglichen Liebe und diese Art der auch retrospektiv verunmöglichten Liebe (durch selektive Gedächtnisunterdrückung) gibt es nirgendwo sonst. Viele kleinere, bösartig bissige Ideen drin, die aber alle nicht um ihrer selbst willen durchgespielt werden, sondern zur unerläßlichen dramaturgischen Ökonomie des Films gehören. Tim Robbins wird je besser, je älter er wird, oder ich finde ihn je besser, je älter ich werde, Samantha Morton bringt durch ihr Spiel meine Fingerspitzen dazu, sich genauer zu erinnern. Viele gute Sachen. Der Empathievirus, das Gespräch mit dem nuschelnden Arzt, die Einsprengsel aus X verschiedenen Sprachen. Eine Million mal besser als dieser GATTACA-Mist, der dasselbe Thema eigentlich nur verschaukelt hat. Dagegen ist der nachfolgende koreanische Kracher (Natural City) wirklich nur billiger SciFi-Trash. Ich gehe nach fünf Minuten.
Abends mit geöffneter Seele durch die Stadt Nantes, ich fotografiere die Geschäftsauslagen und andere leuchtende Objekte, verirre mich ein wenig, kein Problem. Ich liebe diese Stadt, ich würde hier gerne leben.
Dass sich viele der Kollegen in den kurzen drei Jahren, in denen ich nicht hier war, so merklich verändert haben.
Wieder in einem Zug, diesmal zur Küste. Das Liebespaar vor mir zieht sich eine Jacke über die Köpfe, um besser knutschen zu können, sehr lustig.
Das Meer ist an diesem Tag von nachdrücklicher Bescheidenheit. Herrliches Wetter: mal wärmt die Sonne noch die Gesichter, mal gibt es ein majestätisches Grau, wie zur Rückkehr von Odysseus. Am Strand wenige Menschen, viele Fundstücke. Zu wenig Speicherplatz! Ein Franzose, Mitte 50, mit Frau am Arm, stellt sich vor mir auf und verlangt, fotografiert zu werden. Ich tue so, als würde ich anvisieren und auslösen, er ist zufrieden mit unserem Spiel: merci. Vor drei Jahren war ich auch hier. Ich notierte mir noch alles auf Papier, ich hatte noch keine Digitalkamera. Ich hatte noch kein Weblog. Ich bin anders und gleich, banales Wunder. Die Salzluft tut meiner Lunge gut, ich spüre es genau. Wie mir insgesamt das Meer immer gut tut. In meinem Rücken die Jugendlichen, die mit ihren aufgebohrten Mopeds die Strandpromenade herunterheizen, die Rentner, die Jogger, die Einheimischen, die den Samstag nutzen. Bei mir keine ozeanischen Gefühle, eher eine familiäre Vertrautheit. Wie gut das alles ist. Wie gut die Welt ist. Das scheint eine Regatta zu sein da draußen, die Boote kommen immer näher. Eine Schule von Vögeln, vielleicht zehn Tiere, ganz tief über das Wasser hin.
Abfahrt von La Baule-les-pins. Bisher eigentlich immer eher unangenehme Erfahrungen mit den TERs und TGVs der SNCF gemacht, aber dieser TER neuerer Bauart wirkt sehr angenehm, große Panoramafenster, gut geformte Sitze etc. Also schönes Gleiten durch das Département Loire Atlantique.
Ein älterer Herr steigt ein und zieht allen Ernstes einen Rubik’s Cube aus der Tasche, um hingebungsvoll daran herumzudrehen. Später sehe ich, dass der Würfel bis zum Auseinanderfallen abgenutzt ist. Ein Mann und sein Hobby.
Nachher
Abschied von Nantes mit Bedauern. Immer dieselbe Melodie: schon wieder vorbei. Die Aussicht, dass sich das in den nächsten Jahren noch beschleunigt. Stimmt übrigens nicht, dass ich vor drei Jahren alles auf Papier notiert hätte. Damals mit Atari Portfolio.
Fahrt durch das ähnliche Land. Das Wetter ist sehr schön, eigentlich wie man es von einem guten Oktober kennt. Eine Mutter kriegt ihr Baby nicht still, die Leute um mich herum werden unruhig, ich auch, was ist gerade an diesem Geräusch so unerträglich? Erst will man helfen, dann will man nur noch, dass das Kind still ist, dann überkommt einen rasende Wut auf Mutter und Kind. Hinter mir unterhalten sich zwei ältere Damen sehr angeregt, und sie benutzen auch sehr angeregt Kölnisch Wasser. Auch auf der Hinfahrt gab es ja schon einen Kölnisch-Wasser-Zwischenfall. Ich hoffe, dass alle Hersteller von Kölnisch Wasser bald der Globalisierung zum Opfer fallen.
Ich steige aus, ich laufe durch die Weinberge, ich bin wieder da. Dort. Hier.
Everyone can be a star.
Vier Brüder sollt ihr sein.
Bewaffnete Ultras?
Je suis désolé, Dave.
Ich kann schweben, weißt du. Ich bin der Bananenvogel.
Licht der Aufklärung.
Ich auch.
Vertont von McLusky.
Super mega grosse!
Schneller. Propeller.
Hot rod.
Better luck next time.