Als sportliche Herausforderung habe ich das Lesen nur begriffen, bis ich 25 war. Aber manchmal kommt es immer noch vor, dass ich Bücher zu Ende lese, obwohl sie mir zum Problem werden, zum Beispiel, indem sie mir das Herz abdrücken. Never Let Me Go ist so ein Fall. Man kann ganz einfach sagen, worum es in diesem Buch geht. Klone werden in internatsähnlichen Instituten aufgezogen, um später als Organspender zu dienen, bis nichts mehr von ihnen übrig ist. Zum Gähnen, nicht wahr? Das hatten wir doch schon bis zum Überdruß in besseren und schlechteren Science-Fiction-Schwarten seit den Sechzigern, oder? Der Punkt ist, dass diese Kurzbeschreibung gar nichts über das Buch sagt. Ishiguro versteckt das "brandaktuelle", "kritische", "aufrüttelnde" Generalthema auf eine unheimliche Art in dem Text, schiebt es an die Seite, wie es an die Seite geschoben würde, wenn die beschriebenen Zustände Alltag wären. Kathy H., die einen Alltag dieser Art lebt wie wir den unseren, wehrt sich nie, beklagt sich nicht, wird wohl manchmal bitter, weint wohl, aber was sie eigentlich um jeden Preis will ist: das Ungeheure als Normalität begreifen. Es gibt keine Gadgets in diesem Buch, keine maliziös lächelnden Weißkittel, keine Labore, es gibt nur die zum Scheitern verurteilten Versuche von Kathy H. und ihren Freunden, normal zu sein. Ein großer Teil des Texts wird eingenommen von den Erinnerungen an Hailsham, das "Internat", in dem sie aufgewachsen ist und auf ihre Aufgabe vorbereitet wurde. Hailsham ist für den Leser das böseste Gegenbild zu Hogwarts, das man sich vorstellen kann, aber für Kathy H. ist es das bittere, ein wenig schadhafte gelobte Land, die Kindheit, der Ort, an dem längst nicht alles, aber doch vieles in Ordnung war - im Gegensatz zu ihrem Erwachsenendasein, in dem es nichts geben wird, keine Familie, keinen Beruf, keine Freunde unter den "Normalen", nichts außer der kommenden Pflicht, sich in Stücke schneiden zu lassen für andere. Nun ja, eine Art von Beruf hat sie schon. Den Klonen wird vor ihrer unmittelbaren Karriere als "donors" die Möglichkeit eröffnet, "carer" zu sein, Sozialpädagogen, die dafür sorgen, dass alles glatt läuft, dass die Spender nach den ersten nichttödlichen Operationen wieder auf die Beine kommen, dass jemand für sie da ist. Die letzte Perfidie dieses Systems besteht darin, dass die "Carer" durch ihre Tätigkeit bis zur seelischen Erschöpfung ausgelaugt werden. Am Ende wünschen sie, der Spendenzyklus möge auch für sie beginnen. Das ist der Punkt, an dem Kathy H. steht, als sie ihre beiden besten Hailsham-Freunde Ruth und Tommy bis zum Ende begleitet hat. Ich kann nicht genug bewundern, wie Ishiguro hier eine Erzählung schafft, die immer nahezu perfekt ist, gleich, aus welcher Genreperspektive man sie anschaut. Das Buch überzeugt als Science-Fiction-Alptraum, Entwicklungsroman, Liebesgeschichte und Politthriller. Kurz vor Schluss muss der Roman für einige Seiten aus dramaturgischen Gründen zu einem konventionellen, immer noch sehr guten Science-Fiction-Text kollabieren, aber das spielt keine Rolle. Man hört öfter, Ishiguro sei ein Meister in der Darstellung der verunmöglichten Liebe. Ich finde außerdem das politische Potenzial des Romans bemerkenswert: Wie verkehrt, wie durch und durch kaputt muss eine Gesellschaft eigentlich sein, in der ein solches Buch auch nur möglich ist, in der sein Autor mit einiger Plausibilität behaupten kann, Vorgänge aus dem England der späten Neunziger wiederzugeben? Ishiguro baut in den Text manchmal catch phrases ein, bei denen ich zum Schluss zusammenzuckte. Einer dieser Sätze lautet: "I don't know how it was where you were, but at Hailsham ..." Ich konnte oft nicht mehr als zehn Seiten am Stück lesen. Dringende Empfehlung.






ich notier mir das mal


Ich habe das Buch im Januar gelesen und kann seitdem nur noch leichte, klischeereiche und ein sicheres Habby End bietende Taschenbücher lesen. Denn es wird noch eine Weile dauern, bis ich wieder ein Buch wie dieses werde aushalten können.
Was mir dazu einfällt:

  • wie Kathy und Tommy nie weglaufen wollen, untertauchen oder ins Exil. Die einzige Flucht, die sie sich vorstellen können, ist die, von der sie glauben, das System erlaube es.

  • wie Kathy beinahe manisch Pornomagazine durchblättert, und dabei den Frauen immer ins Gesicht schaut. In der Hoffnung, ihr Muster, ihren Vorläufer zu finden.

  • wie nahe dieses Buch an der Wirklichkeit ist. Man stelle sich vor, durch Zufall würde ein Mittel gefunden, daß die Immunabstoßung bei Organtransplantationen ausschaltet. Dann wäre es in der Tat ein leichtes, ein geschädigtes, eventuell von Krebs befallenes Organ einfach auszutauschen. Und wenn das eigene Leben, das Leben der geliebten Kinder, Eltern, Partner, davon abhängt - würde man dann wirklich fragen, woher das Organ kommt?

  • wie meisterhaft Ishiguro erzählt. So ruhig, so leise, so genial. Und die amazon-user-Kritik, in der es heißt, das Buch sei langweilig.


Daß Ishiguro langweilig wäre, hiess es auch über sein Werk "Was vom Tage übrigblieb", das ich dann gar nicht langweilig fand. Es ist halt irgendwie langsam und fein. Aus Japan kommen so einige gute Bücher. Wenn ich mich recht erinnere, war mein erster japanischer Autor Kenzaburo Oe. :-)


Ja, ich lese Özdamar und Zaimoğlu auch bevorzugt in türkischer Übersetzung. Scherz beiseite: Völkisch geeicht, wie ich nunmal bin, habe ich mich damals auch erstmal gewundert, als der Abspann behauptete, die Vorlage für die Hopkins-Thompson-Neurose käme aus Japan.


Ishiguro lebt seit 1960 in Großbritannien.


Na prima. D.h. er ist gar kein Japaner? Jetzt schlittere ich schon wieder in eine Identitätskrise. :-D