Tulippy [größer]
Die Träume des Empires.
Shopping for vampires [größer]
Die Katastrophe entfaltet sich wie die japanischen Papierkunstwerke in Prousts Recherche. Nur dass sie nichts Schönes an sich hat.
Draußen flöten die Amseln, drinnen erzählt Opa vom Atomfrühling anno '86.
Ja, natürlich:
Die Kernenergiebranche warnt vor übereilten Schlussfolgerungen: "Jeder deutsche Reaktor ist auf jeden Fall besser ausgerüstet als der in Fukushima", sagte der Präsident des Deutschen Atomforums dem "Handelsblatt". Eine Verkettung solcher außergewöhnlichen Naturkatastrophen wie in Japan sei für Deutschland nicht vorstellbar. Die deutschen Reaktoren seien "auf alle möglichen Einwirkungen von außen ausgelegt, beispielsweise auf Erdbeben und Überflutungen". Man sei "jeweils weit über das hinausgegangen, was notwendig ist, um den Einflüssen standzuhalten".
"Jeder … auf jeden Fall … nicht vorstellbar … weit über das hinausgegangen, was notwendig ist …" - immer schön die supersten Superlative benutzen, das macht euch kenntlich.
Dass einer ein Mörder ist, muss nichts gegen seinen Stil beweisen. Aber der Stil kann beweisen, dass er ein Mörder ist. (Karl Kraus)
Sauber hingekriegt, Menschheit. Wer ist eigentlich auf diese wunderbare Idee gekommen, Atomkraftwerke in Erdbebengebieten zu parken? Um das zu toppen, brauchen wir jetzt ganz dringend ein Endlager in San Francisco. Die St. Mary's Cathedral sieht ohnehin aus wie ein Reaktor, das wäre dann passend.
Wie die politischen Gedanken an einem hochkriechen. Dass die Laufzeitverlängerung für die AKWs hierzulande jetzt gestorben sei. Die Weltwirtschaft. Wie China profitieren wird aus dieser Morgengabe. Das exquisite Schauspiel der Mitleidlosigkeit, die Einübung in den finalen Zynismus, als Liveticker. Die Hyäne ist ein beschissener Verwandter, mit dem man nicht nur in einem Haus, sondern in einem Zimmer wohnt.
Da die Doctores immer am Spin arbeiten, bekommt man jetzt den Eindruck, sie hätten damit angefangen, bevor es geschah. Auch nur ein anderer Ausdruck des tief menschlichen Bedürfnisses nach Selbstabschaffung.
Saublöd aus der Wäsche gucken mit knapp zwölf Jahren "Naturstrom" auf dem Buckel. Too little, too late.
Und wieder die Hyäne. Wie die Atomiker hierzulande mit Sicherheit jetzt schon daran arbeiten, die deutschen AKWs als weitaus sicherer darzustellen. Wie sich die Apokalyptiker in Film, Funk, Fernsehen und der Sekte next door die Hände reiben über den Stoff. Wie alles belebt wird durch den Tod.
Sorrowskull
Rache: So nannte Chaldej dieses Bild, das er Anfang 1945 in einem österreichischen Dorf aufgenommen hatte. Er selbst erklärte dazu später: "Alle sagen, ich hätte diese Fahne extra dort hingelegt. Nein, ich habe nur das Haus angesteckt, weil da der Kommandant des Konzentrationslagers wohnte. Es gibt Bilder, die zeigen, wie es nachts bis auf die Grundmauern niederbrannte."
Nachthexen: Die Pilotinnen Irina Sebrowa, Nadja Popowa und Vera Belik während einer Einsatzpause. Fotograf Jewgenij Chaldej begleitete die Frauen von Noworossijsk, eine Hafenstadt am Schwarzen Meer, bis nach Berlin: "Es gab im Krieg ein ganzes Frauengeschwader mit leichten Flugzeugen. Die deutschen Soldaten nannten sie die 'Nachthexen', weil sie aufstiegen, die Motoren abschalteten und dann zum Gleitflug übergingen. Man hörte kein Geräusch, aber es hagelte Bomben. Viele von ihnen kamen ums Leben."
Schläge für Göring: "Göring fotografierte ich oft, denn ich dachte: Hitler ist tot, also ist Göring der Verbrecher Nummer Eins." Als Chaldej 1946 den inhaftierten Hermann Göring, vorne links, bei einer Mahlzeit mit NSDAP-Ideologe Alfred Rosenberg, Admiral Karl von Dönitz und Reichsjugendführer Baldur von Schirach in Nürnberg fotografieren wollte, soll dieser gebrüllt haben: "Was soll das, nicht mal essen kann man in Ruhe!" Erst als ein amerikanischer Leutnant ihm einen Schlag mit einem Knüppel verpasste, habe er Ruhe gegeben.
Siegesparade in Moskau: Beim Aufmarsch am 24. Juni 1945 auf dem Roten Platz in Moskau trugen Rotarmisten die deutschen Truppenfahnen und Standarten, um sie an der Kreml-Mauer in den Staub zu werfen. Der Soldat, der die Leibstandarte Hitlers tragen sollte, hatte sich zunächst geweigert, sie anzufassen, wie Chaldej später erfuhr.
Es ist zwar der 8. März und nicht der 8. Mai, aber wir erheben uns von unseren Plätzen.
Der bunte Bienenstaat [größer]
Die ständige Suche nach dem speziellen, dem eigenen Stil ist nichts anderes als die Sehnsucht nach dem Spleen als Markenzeichen & Verkaufsargument. Die Produktmanager des Kulturbetriebs orientieren sich daran wie die Kommissare an der Handschrift des Serientäters, und die "Kulturschaffenden" tun ihnen den Gefallen.
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