Sehr schönes Mehdorn-Interview im Stern vom 6.7. (of all places). Der Interviewer nervt Mehdorn mit der Frage, wie der Bund auf die Idee kommt, nach dem kommenden Börsengang 49% der Bahnaktien für annähernd 9 Milliarden verticken zu wollen, während seit der Wiedervereinigung 90 Milliarden an Steuergelden in die Bahn gesteckt wurden. Mehdorns Antwort in etwa: Das seien Zuwendungen des öffentlichen Hand, die zur Infrastrukturerhaltung nötig waren und nicht in den Bilanzen des Unternehmens auftauchen, also auch nicht seinen Wert beeinflussen. Bei Subventionen für andere Unternehmen sei das ja genauso. Und wie gedenke Mehdorn die 9 Milliarden einzusetzen? Das könne er nicht bestimmen, das Geld fließe in den Bundeshaushalt. Ganz sicher werde die Bahn aber noch schöner, als sie ohnehin schon sei. Was das denn überhaupt für eine seltsame AG sei, fragt der Intervewer, in die ab jetzt jedes Jahr weitere 2,5 Milliarden Steuergelder fließen würden, um den Betrieb aufrecht zu erhalten? Das sehe doch schwer so aus, als wolle sich ein angeblich privates Unternehmen, eine börsennotierte AG vom Bund aushalten lassen? Da hat er den großen Vorsitzenden an der Kante. Der kann nur noch beißen. "Sie haben es wohl gern sozialistisch? Sie wollen wohl zurück in die DDR?"
Seinerzeit schrieb ich:
Während Firmen wie Microsoft sich zu Quasistaaten in privater Hand heraufgemogelt haben, ist die Bahn endlich zu einem monopolistischen Privatkonzern mit garantierter staatlicher Rückfallversicherung heruntergewirtschaftet worden. Die Deutsche Bahn AG in eine Holding umzuwandeln, war in Bezug auf die Kerninteressen des neuen "privaten" Giganten die Quadratur des Kreises. Der Konzern kann sich nach Lust und Laune diversifizieren, was Flexibilität im Kampf gegen Konkurrenten verspricht. An der Börse möchte man bald die üblichen Spielchen mit einstmals öffentlichem und von anderen geschaffenen Eigentum veranstalten. Die entscheidenden Produktionsmittel besitzt man ohnehin und kann sie zu den entsprechenden Preisen an Dritte verkaufen oder vermieten, was auch sehr nützlich ist, wenn man die eigene Bilanz im Hauptgeschäft für ein paar Jahre schönrechnen will. Sollte das Gewinnmaximierungskonzept scheitern, kann man den Staat, aus dem man sich angelich herausgelöst hat, umgehend erpressen, denn der Staat weiß genau, dass es ohne die Eisenbahn nicht geht, und wird die Verluste übernehmen, wenn sie Überhand zu nehmen drohen (...)
Das geflügelte Rad - Über die Vernichtung der Eisenbahn, Oktober Verlag 2002, S. 41 f.
Die sanften Korrekturen durch die Wirklichkeit, ihre Konkretion im Schäbigen.