Horst Papenbrock hatte die Machtergreifung nicht am Markt angefangen. Als er am Montag nach der Reichtagswahl von seiner Kommunistenschnüffelei aus Gneez zurückkam, hatte er keinen gefangen, war ihm der Tag nicht voll genug, und der Fahnenmast der Jerichower Schule fiel ihm ins Auge. Der Mast kam ihm nackt vor. Am späten Nachmittag noch trat die S. A. auf dem Markt an, einige ohne großes Verlangen nach aufrechtem und wortlosem Dastehen, und marschierte rechtsum ab in die Schulstraße, ohne Lied und etwas wacklig, wie ein Panzerwagen mit betrunkenem Führer zwischen den niedrigen Gebäuden und den Hunden hindurch und hißte die Fahne der nationalsozialistischen Bewegung auf dem Schulhof und ließ einen Doppelposten zurück aus den zwei Mann, die noch nicht nur Geistesgegenwart sondern auch eine etwas vollständige Uniform am Leibe hatten. Der Bürgermeister schickte die Stadtpolizei erst in der Dämmerung. Die Stadtpolizei war Ete Helms, auch nicht viel über zwanzig und sehr auf seinen Feierabend bedacht, so daß er sich gemütlich wegschicken ließ und die Uniformjacke erst zuknöpfte, als er auf Papenbrocks Diele stand und nach dem Jungen Herrn fragte. Horst hatte die Koemflasche neben dem Schinkenteller gehabt und machte dem Jüngeren ein paar Minuten lang den Vorgesetzten, bis er erfuhr, daß Dr. Erdamer gesagt hatte: Dummes Zeug (im Selbstgespräch, beim Zuziehen der Tür). Fünf Minuten später deckte Horst den Doppelposten mit gezogener Pistole, und Ete Helms stand bis kurz vor Mitternacht am Schulhofzaun, stramm Jetzt und die Hände am Koppel, neidisch auf den Kaffeedienst der Nazis, angetan von den schneidigen Wachablösungen alle Stunde, nicht ganz behaglich inmitten der Zuschauer, die so viel nächtliche Abwechslung seit Jahren nicht genossen hatten und sich einen Spaß daraus machten, jeweils um den Schritt vorzutreten, um den er sie zurückwies. Gegen Mitternacht war Dr. Erdamer vernünftig genug, den Bitten von Geesche Helms nachzugeben und ihr den Mann ins Bett zu schicken, so daß der S. A. mit den Gaffern auch die Lust an der Grüßerei und dem Marschschritt ausging und sie den Schulhof räumten, aber es war dennoch Horst Papenbrocks Sieg gewesen.

Uwe Johnson, Jahrestage, Band I, S. 222 f., Suhrkamp Verlag 1985