Nukleare Saurier






Rüstungsbarock

Zur Vertiefung des Themas ein Literaturtipp: Mary Kaldor, Rüstungsbarock, rotbuch 1981.

Aus einer Rezension: Mary Kaldor hat 1981 in Anknüpfung an die Analysen und Theorie der langen Wellen in der Produktion kapitalistischer Gesellschaften von Joseph Schumpeter und Nikolai Kondratieff den treffenden Begriff des Rüstungsbarock herausgearbeitet. Rüstungsbarock kennzeichnet Perioden, in denen eine sehr fortgeschrittene Rüstung nicht mehr zur Ankurbelung neuer Ziviltechnologien führt, sondern dekadent wird “und die Wirtschaft insgesamt zurückzerrt in ein längst vergangenes goldenes Zeitalter….Rüstungsbarock ist das Ergebnis einer Verbindung zwischen Privatwirtschaft und Staat, zwischen der kapitalistischen Dynamik der Waffenfertigung und jenem Konservativismus, der Streitkräfte und Verteidigungsministerien in Friedenszeiten prägt.” Auf der Grundlage der militärischen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und den aus Blockkonfrontation und Kaltem Krieg resultierenden Bedrohungsvorstellungen entwickelte sich die Rüstung vor allem durch Feindinnovation fort: “Ständige Verbesserungen an Waffensystemen entlang der eingefahrenen Traditionslinien, wie sie den Vorstellungen der Streitkräfte und der Waffenproduzenten entsprechen.” Diese Verbesserungen werden technologisch immer aufwendiger, teurer und vom militärischen Gesichtspunkt aus, auch ineffezienter, weil durch das Wettrüsten jeder Vorsprung nur kurzlebig ist. Wettrüsten und der damit verbundene Rüstungsbarock “verlängern jedoch nicht nur künstlich das Leben von Industriezweigen, die andernfalls längst geschrumpft wären”, sondern finden ihre Entsprechung in einem Industriebarock, wie er vor allem die jetzige Phase des Übergangs kennzeichnet.

“Die industrielle Basis des modernen Rüstungssektors wurde im Zweiten Weltkrieg geschaffen und zwar durch die damals dominierenden Unternehmen, vor allem die Hersteller von Autos und Flugzeugen.” In den folgenden zwei Jahrzehnten hat eine Fülle technologischer Innovation, vor allem die Entwicklung der Elektronikindustrie zu einer gewaltigen Verbreiterung der industriellen und technologischen Basis geführt. Mary Kaldor erkennt durchaus die positiven Effekte, die die Militärausgaben vor allem in den beiden ersten Nachkriegsjahrzehnten auf die Mobilisierung von Ressourcen für Investitionen und Innovationen gehabt haben. Da sie aber zugleich gewaltige Ressourcen banden, “die für Investitionen und Innovationen in Bereichen neuerer, dynamischer Industrien gebraucht werden,… verzerrt sich die Ausprägung des technischen Fortschritts, indem er manierierte, sozusagen maßgeschneiderte Produktverbesserungen betont, wie sie so typisch für Industrien im Abstieg sind.” www.uni-muenster.de