Wagner finden erstaunlich wenige Vernunftbegabte lächerlich. Das gilt als große Oper und der Bildungsbürger investiert großzügig in seine Gänsehaut.
so so.
man kann vernunft auch mit dem sonntagsmantel verwechseln, den man alle jahre mal rausholt, nur für gut. es kann passieren, dass er dann nicht gut sitzt. auch mottenfraß am hinterteil entgeht bisweilen der eigenen aufmerksamkeit, kann aber zur belustigung anderer beitragen. große oper.
natürlich ist wagner neben vielem anderen lächerlich. technisch gesehen sind ihm sogar ein paar wenige aufregende erfindungen abzugewinnen. der rest aber fordert mehr als nur den sonntagsmantel.
je nach interesse reicht das. als erklärung für ihn als kristallisationspunkt für spuk und faschismus nicht. auch nicht für die einordnung der von ihm zusammengetragenen neuen musikalischen erzähltechniken.
but you're right none the less.
Was das tatsächlich komplex macht: es sind sehr gute Leute, die von ihm gelernt haben. Hat nicht sogar Adorno...? (Kann mich aber irren, ich dachte über Schönberg) Ähnlich wie (siehe neulich) Gottfried Benn: Helmut Heissenbüttel, den ich sehr mag, hat ihn bei aller nüchternen Kritik als einen seiner Lehrer bezeichnet. Ich muss das nicht nachvollziehen können. Aber das steht literaturgeschichtlich erst mal so im Raum.
Was den Faschismus angeht, bin ich ja schon der Meinung, dass der Bezug auf Wagner nicht zufällig ist, und ich kann da auch Musik und sonstige Äußerungen nicht ohne weiteres trennen. Ohne dass ich Musikwissenschaftler wäre, da kann ich jetzt auch völlig falsch liegen: aber die Gegenüberstellung von Wagner und Jacques Offenbach, bei der Wagners ganzer Hass gegen Juden, Franzosen, Intellektuelle in einer Feindfigur gebündelt wird, scheint eben auch musikalisch deutlich zu machen, was an Wagner reaktionär war: die antimoderne Archaik, die gleichzeitig genau das Moderne an ihm ist.
Eine Oper wie "Tannhäuser" ist natürlich auch etwas komplexer als die "Meistersinger", was ihre Zuordnung innerhalb der Moderne angeht - bei ersterer versteht man, was z.B. Baudelaire an Wagner finden konnte, bei letzterer wird einem wirklich übel.
Wagner gehört zu den Leuten, die mir jede Lust an der Differenzierung nehmen. Wie Eugen Drewermann.