Da las ich wieder mit den Freunden. Ich hatte mir eigens Humor ausgedacht, um sie vorzustellen. Niemand blieb traurig an diesem Abend, niemand wurde böse. Ich bemerkte wiederum, ich kann durch eine Veranstaltung swingen, was ich früher nicht wusste. Kurz vor dem Schlafengehen ausatmen in einem dunklen Zimmer, das die nahegelegene mittelständische Fabrik doch erhellt mit ihrem notwendigen Licht.
Am anderen Morgen Stuttgart. Stuttgart macht mich grundnervös. Ich will lieber immer Stuttgart durch ein Fenster betrachten, in einem Innenraum sitzend, als mich von Stuttgart betrachten lassen, im ungeschützt Freien. 150 Schüler. Einige in der ersten Reihen fuchteln mit kleinen Taschenlampen herum, sie möchten mich während der Lesung blenden. Da spreche ich sie an, die Köpfe werden rot, und die Taschenlampen verschwinden. Ich bemerke etwas zur hochgradigen Palituchverseuchung des Publikums, verdutzte Gesichter bei den Trägern und Trägerinnen, eine Pädagogin nickt eifrig. Gespannte Aufmerksamkeit, während ich lese. Nachher Fragen. Eine andere Pädagogin will meinen Pessimismus nicht. Sie ist für das Gute in der Welt, die Gefühle, die Lebensfreude. Stuttgart, das durch die Fenster hereinschaut, lässt mich mit einer gewissen Verve widersprechen. Die Anwältin der ungebremsten Lebensfreude schmollt.
Dann muss ich vier Stunden Stuttgart bewältigen, denn erst so lange später will ich Paul (11) am Bahnhof treffen, um mit ihm nach Karlsruhe weiterzureisen. Dies erheischt, dass ich Stuttgart bewältige, und nicht umgekehrt. Aber ich habe die beste Waffe der Welt dabei: einen Fotoapparat. Da kann ich zurückschießen, und niemand wird verletzt. Trotzdem eine harte Übung, auch bin ich aufgeregt, weil noch nie mein Sohn bei einer meiner Lesungen dabei war, weil er noch nie so weit allein Zug gefahren ist. Als wir uns an Bahnsteig 2 treffen, machen wir Handabklatsch. Wie fühlt er sich, wie geht es ihm? Noch nie ist er in einem Hotel gewesen. Weihnachtsmarkt. Schlechtes mexikanisches Essen. Quel roman! Karlsruhe ist nun eine ganz andere Stadt als Stuttgart, meine Grundnervosität schwindet. Deswegen fordert das Gesetz des Ausgleichs ein Opfer. Die Lesung ist fast so grauenhaft wie die letztes Jahr in Leipzig. Zweimal muss ich unterbrechen, um die angeregten Unterhaltungen ein wenig zu dämpfen. Die Lehrer reagieren, indem sie sich demonstrativ zu den Unruheherden hinsetzen. Aber es sind ihrer zu viele. Bei der Fragerunde herrscht nicht, wie ich gefürchtet habe, beinernes Schweigen, ganz im Gegenteil wird mit großer Begeisterung gefragt. Manche Fragen lassen sogar erkennen, dass mein Vortrag teilweise durch den Lärm hindurchgedrungen ist. Das Match zwischen mir und Karlsruhe endet mit einem glatten Unentschieden. Aber am Abend bemerke ich, was mich die Beherrschung gekostet hat.
True to the cause
Love noir
Serial
Sei ein Guter
Der Eierdieb