Wir waren wieder unterwegs. Ich las z.B.:
Sonn
Zum Beispiel der Sonntag. Während er früher ein Unterbruch der Arbeitswelt war, ist er heute ein Gewese. Er hat großen Totentext einmal geschrieben, jetzt schreibt er Kleinbuchstaben. Alles war tot. Die Luft war so tot, sie schied die Fliegen aus sich ab, uns auf die Teller. Der Sonntag gab den großen Aufträgen laut: am Leben uns freuen, die Kunst verstehen, das sollten wir. Nichts davon war machbar sonntags, ein Gelingen im Widerspruch. Die Tischdecken, ich sehe sie noch, faserten aus in ägyptischer Geduld. Unsere Därme trockneten im Stickbalsam der Zeit. Wir staubten durch die Zimmer. Gewappnet mit Schönheit wissen wir jetzt nicht einmal mehr, wie das ist, festtäglich erstorben zu sein. Wir singen alles, was uns einfällt, und das ist viel. Man hebt seine Hand zum Klingeln, und manchmal ist da ein Glöckchen. Von draußen ein Lärm, als sei die Stadt fest, und verdiene deshalb Belagerung. Ein Pusten. Die Wissenschaft zupft an uns, als seien wir Froschschenkel. Nichts stummt mehr. Nichts steckt uns mehr seine trockene Faust in den Rachen, auf dass wir uns gemütlich daran blau würgen, bei schlagendem Herzen. Der liebe Sonntag, der uns den ersten glitzernden Erguss brachte, weil unsere Hoden prüfen mussten, ob sie lebten. Der uns geschmiedet hat mit den Hämmern der Gleichförmigkeit. Der uns all das geschenkt hat, was uns auf den Grund eines grüntrüben Teichs zog, damit Karpfen vom Anfang der Welt über uns dahintreiben konnten.
© Marcus Hammerschmitt, 2008
Dieses imaginäre „Wir“ ist die Gruppe Tübinger Holzmarkt. Was sich ein bisschen anhört wie der Name einer Terror–Combo aus den Siebzigern bezeichnet in Wahrheit eine Assoziation von Stalinisten des Eigensinns. Unser Schutzbund für Außenseiter variierender Couleur besteht seit 1995, unser Sport ist die Kunst. Bei 12 Trainings und 2 Leistungsschauen im Jahr verbessern wir unsere Sprungkraft.
Was für ein schöner Text.