Flickr entwickelt sich immer deutlicher zu einem hervorragenden Beispiel für Ideen, die klüger sind als die Leute, die sie umsetzen. Interessanterweise könnte man Analoges z.B. vom Kommunismus und der Demokratie auch sagen.
Ich frage mich: die technischen Möglichkeiten (siehe nur die Feeds) sind doch da, sodaß etwas wie flickr auch dezentral realisiert werden kann - meinetwegen auch twitter oder bookmarkservices. Gäbe es eine Software oder ein Protokoll, zusätzlich meinetwegen Server für die, die keinen eigenen Webspace haben, aber eben dezentral, und diese Software oder dieser Feed, diese XML-Datei, dieses Script würde die gleiche Community einlesen können, die gleiche Art, mit Kommunikation zu spielen, ohne dass man auf einen Anbieter wie flickr angewiesen wäre. Es ist überhaupt nicht zwingend, dass solche Ideen an einem einzelnen Anbieter kleben bleiben, wozu gibt es Feedreader? Und wenn es um das Kennenlernen neuer Teilnehmer geht, oder diese "globale" Schau wie auf der flickr-Hauptseite, dafür gibt es Aggregatoren, Verlinkungen, "Blogrollen".
Wie bei Blogs: ich muss nicht Antville-Blogger sein, um von Antville-Bloggern gelesen zu werden. Jemand, der mich in seinem Feedreader hat, nimmt mich vielleicht als Teil seiner Community wahr, obwohl es keiner physische Zugehörigkeit entspricht - tatsächlich bin z.B. ich schon öfter zu Antville "assoziiert" worden (genau wie ich lustigerweise mehrfach zu "Berlin" assoziiert wurde, aber das ist ein anderes Thema.)
Das ist vom Server alles nicht abhängig, und könnte, so dezentral, auch viel freizügiger sein.
Verstehe ich das richtig, dass dir eine "verteilte Community" vorschwebt, bei der jeder sowohl Server als auch Client ist, und dementsprechend nur eine doppelgesichtige Software haben muss, die das managt?
So ungefähr. Wäre nicht genau das back to the roots? ;)
(Würde wahrscheinlich nach der üblichen Weise scheitern: am Anfang stünden Formularscripte oder Übereinkünfte, die den Datenaustausch, die Kommunikationsprotokolle auf eine gemeinsame Basis brächten. Später würde es Anbieter geben, die besondere Features einbrächten. Dann der erste Artikel von Spon, der das lexikalische Genus der Software verkehrt. Und dann begänne ein Flamewar wie der zwischen atom- und rss-Befürwortern, nebst kommerziellen Ableitungen, Patentstreitigkeiten und Lizenzjägern. Und das wäre so lame. Ach.)
– Seltsam jedenfalls scheint mir, dass die ganzen Innovationen auf Kommunikation, Austausch, Datenfluktuation aus sind, alles aber nur zu dem paradoxen Zweck, die User wieder auf feste, physische Monopol-Server einzuschwören, mit allen Nachteilen der dortigen terms of use, obwohl das technisch nicht nötig ist.
Wenn Sarkozy und seine Schergen so weitermachen, dann können wir bald wieder die Modems rausholen und uns auf Mailboxen unterhalten. Weiß noch jemand, was CB-Funk war?
Goncourt, das auf kleiner Ebene ein Henne- und Ei-Problem.
Auf der billigen Ebene kann man natürlich seine Bilder privat in einer Bildergalerie plus dazugehörigen Feed veröffentlichen; viele im Nerd-Bereich machen das so mit ihren Schnappschüssen. Aber Feedreader sind kein wirkliches Tool der Massen, das machen nur Leute, die schon ewig dabei sind oder die sich dafür interessieren, nur die Bastler und Experimentierer. (Klischee: Der Schockwellenreiter hat schon letztes Jahr an so einem Konzept für sich selbst gebastelt)
Auf nächster Ebene kommt dann Dein Janus-Konzept, dass die eigene Software sowohl publiziert als auch die Bilder Anderer von anderen Quellen aggregiert, technisches Stichwort lautet Federation. Das klappt auch immer noch Feed-basiert, die komplette Infrastruktur dafür gibt es mit RSS/Atom und die zusätzlichen Photoinformationen mit der Media RSS Erweiterung natürlich schon länger und gängige freie Photogalerie-Skripte für den eigenen Webspace machen das natürlich. Das ist aber nur die halbe Miete.
Flickr bietet über Bilder-Anzeigen ja noch mehr, die Community. Die Kommentare, die Registrierung, die einen Großteil der Dumpfköpfe und Spam verhindert, hinter den Kulissen wirkende Admins, die Spam rausfiltern und Ansprechpartner für soziale Crashs sind. Den gemeinsamen Namensraum von Tags, die Suche. Vieles davon lässt sich dezentral nicht nachbilden, schon allein, weil ein einzelner Server oder für die meisten ein Bruchteil dieses Servers das alleine nicht schaffen wird. Und weil das ganze Hin- und Hertransportieren von neuen Nutzern, neuern Kommentaren und vor allem deren Bilder. Eine einzelne Instanz dieser Föderation wird sich immer nur auf einen selbst, seine eigenen Bilder, eine (semi)-öffentlich Kommentarfunktion zu diesen und Feeds nach draussen anbieten können. Plus die eventuelle Aggregation der Vorlieben des Inhabers. Verbundenheit kommt dort nur über Links zu anderen privaten Seiten mit anderen Layouts. Guck Dir Blogs an, eine blogübergreifende Suche gibt's nur bei denjenigen Anbietern, die haufenweise Serverpower dahinterschmeissen, die Blogs zu indizieren, Google, Yahoo, Microsoft.
Letztendlich ist es ein soziales Problem. Die Masse wird immer dort spielen, wo die Community ist, weil dort was los ist, weil dort die anderen sind, weil man dort schon einen Account hat, weil es dort vielleicht schöner aussieht, aber letztendlich weil dort der Rest ist. Die Erfahrung zeigt, dass sich da nicht viel ändern lässt, wenn große Plattformen zu erst da waren. AIM/ICQ/MSN sind immer noch viel stärker als das freie, dezentrale vorteilige Jabber, weil dort die Verwandtschaft ist. GMX, GMail, AOL & Verwandte haben oft den Platz E-Mail besetzt. Livejournal, Typepad, Vox, *.wordpress.com und damals, 2001, sogar Antville aßen einen großen Kuchen der handgestrickten Blogs, weil die zentrale Plattform bequemer war, aber auch, weil sie zentraler war. Undsoweiter. Große Plattformen relativ am Anfang einer Entwicklung besetzten sehr viel Mindshare, der nur sehr schwierig zurück zu gewinnen ist. Blogs hat das damals nicht so stark getroffen, weil die Bewegung aus den Selbstfricklern kam und weil dann zuviele Anbieter gleichzeitig da waren, als dass es zu einem, oder zwei Monopolen gekommen wäre. Vereinzelte Photogalerien gab's auch schon vor Flickr, aber erst Flickr hatte den Vorteil der einfach zu bedienenden Seite und gleichzeitig die breite Popularisierung von Digitalkameras.
Es braucht ja nur ein bisschen Einlesezeit ins Installieren freier Skripte auf dem eigenen Webspace und den Mut zu sagen: Ich bin hier, hier sind meine Photos, ich bin nicht mehr dort. Die Bequemlichkeit siegt, vor allem weil die anderen immer noch dort sind. Verständlich ist es aber auch.
(Sorry, bei Übermüdetheit komme ich manchmal ins Erzählen, nehmt's mir bitte nicht übel.)