Georg Kreisler, Zufällig in San Francisco. Ja, ja die vergifteten Tauben. Aber der Mann kann halt auch noch was anderes. Da sind Sachen drin, die kein Tucholsky hätte besser machen können, und es ist schon ein bisschen schade, dass Kreisler selbst und die geneigten Rezensenten immer wieder betonen müssen, dass das schon echte Gedichte seien, doch, doch. Was an Stücken wie "Der Anfang", "Vergangenheit und Gegenwart", "Der Vortrag" bedarf der poetologischen Rechtfertigung resp. Verteidigung? Kreisler schreibt nicht wie Paul Celan, Nelly Sachs oder Ilse Aichinger, auch nicht wie Monika Rinck und schon gar nicht (zum Glück!) wie Durs Grünbein. Das ist auch schon alles, aber manchmal meint man, es sei ihm selbst peinlich, dass sich seine Verse reimen. So hätten statt der überlangen Vor- Zwischen- und Nachworte mehr Gedichte in den Band gepasst, der gut und gern sein erster und letzter sein kann. Man hofft jedenfalls, dass der "Anfang" (s. unten) noch warten kann. Herzlichen Glückwunsch zum Bad Homburger Hölderlinpreis!

Der Anfang

Ich bin jetzt alt und sterbe bald. Die Behörden können mir nichts mehr tun. Denn ich bin reif und wanke steif ins Irgendwo, mich auszuruhn.

Aus eins mach keins! Zwar Goethe meint's ganz anders, doch ich bleib dabei. Aus null mach acht! Aus Tag mach Nacht! Ich bin erlöst und pflichtenfrei.

Mein Leben war mir nie ganz klar. Ich bin der Sprößling einer Sphinx und muss jetzt wen besuchen gehn und schließ die Augen rechts und links.

P.S.: Der Titel dieses Blogeintrags bezieht sich auf "Nähe der Gräber" von Paul Celan.