Offener Brief
12 Oktober 2010

Zur Mitgliederversammlung des Verbandes Deutscher Schriftsteller (VS in verdi) mit OB Schuster im STUTTGARTER RATHAUS am 11. Dezember 2010

Hallo Kolleginnen und Kollegen im Schriftstellerverband,

Was ihr uns da als Einladung zur Mitglieder-Versammlung (am 11. Dezember 2010) im Stuttgarter Rathaus geschickt habt, kippt uns so gründlich aus den Socken, dass wir ausführlich zitieren müssen – sonst glaubt man, wir übertreiben.

"Samstag, 11. Dezember 2010 11.45 bis 18.00 Uhr im Ratskeller (Rathaus) Stuttgart. Nachdem ursprünglich das traditionelle Schriftstelleressen der Stadt Stuttgart auf der Liste der Streichungen im Literaturbereich zu finden war, lädt nun der Oberbürgermeister der Stadt die Mitglieder des VS herzlich ein zum traditionellen Mittagessen. Die Älteren, um nicht zu sagen Ältesten unter uns, werden sich vielleicht noch daran erinnern, dass vor langer Zeit ein OB am Schriftstelleressen teilgenommen hat - es war angeblich Manfred Rommel. Nun hat OB Wolfgang Schuster zugesagt, zu kommen und ein paar Worte an uns zu richten – mit anschließender kurzer Diskussion. Das Mittagessen beginnt bereits um 11.45 Uhr. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre und angesichts der Anwesenheit des OB bittet der Vorstand um PÜNKTLICHKEIT und eine verbindliche Anmeldung. (...)"

So weit, so schlecht.

Vielleicht ist euch entgangen: Seit August des laufenden Jahres 2010 gibt es jede Woche mehrere Demonstrationen Stuttgarter und Anderer gegen den TIEFBAHNHOF STUTTGART 21 und die verheerend teure NEUBAUSTRECKE NACH ULM.

Die Gründe und Gegengründe werden seit langem breit erörtert. Wer will, kann davon wissen.

Bisher haben sich die Schauspieler des Stuttgarter Schauspielhauses mit den Demonstranten SOLIDARISIERT. Und weitere, die wir nicht alle überblicken können. Musiker veranstalten kostenlos Konzerte. Andere helfen den schwer gebeutelten PARKSCHÜTZERN und stützen die BAUMBESETZER von Robin Wood.

Aus allen Berufen, Altersgruppen, sozialen Milieus und Erfahrungsbereichen treten jede Woche Zigtausende gegen den WAHNSINN dieses Projektes an.

Mappus hat uns schon alle identifiziert: BERUFSDEMONSTRANTEN und KRIMINELLE.

Was tun da die Schriftsteller im VS? Sie lassen sich von Schuster einladen und ERTEILEN IHM DAS WORT. Schuster will seit Monaten seine Propagandareden an die Demonstranten halten. Er wird nicht zugelassen, weil er nur dieselben Phrasen dreschen will, die uns schon alle zum Hals heraushängen und die wir seit Monaten in den Zeitungen lesen müssen.

Wir fordern euch dringend auf, nochmals zu überlegen, ob ihr mit der Mitgliederversammlung in den Ratskeller gehen und ob ihr Schuster Rederecht geben wollt. Warum möchte ausgerechnet in diesem Jahr ein OB zu den Skribenten reden, die auf seine Einladung vespern? Weil er Bündnispartner braucht, "Besonnene", denen er ein paar besonnene Sätzlein Zur "Politischen Kultur", zur "Spaltung Stuttgarts", zur Sehnsucht nach ungefährdeter, d. h. UNBENUTZTER DEMOKRATIE auftischen kann.

Und irgendein besonnener publizistischer Hansdampf dokumentiert dann, wie besonnen der OB mit seinen SCHAFSFROMMEN Intellektuellen plaudert. Die können auch kaum was Sinnvolles sagen, denn man beißt die Hand nicht, die einen wortwörtlich FÜTTERT.

Merkt ihr eigentlich, dass wir gerade politisch verschaukelt werden sollen? Dass unsere Mitgliederversammlung als Kleinbühne für einen MIESEN PROPAGANDA-AUFTRITT genutzt werden soll?

Wenn der VS sich politisch profilieren will, dann gäbe es schon allein angesichts der Vorkommnisse Am 30.9. (Polizeiüberfall mit Wasserwerfern, Pfefferspray und Knüppeln) nur eine Option: die Mitgliederversammlung woanders stattfinden zu lassen. Alles andere bedeutet in der aktuellen Situation, den Leuten, die mit vollem Recht gegen Stuttgart 21 handeln, IN DEN RÜCKEN ZU FALLEN.

Den Gipfel der Lächerlichkeit stellt der gesonderte Aufruf zur Pünktlichkeit dar, als habe man es in diesem Jahr mit einem VERSCHÄRFTEN Gestellungsbefehl zu tun, weil das Manöver unter Aufsicht des Kurfürsten stattfindet.

Das Mindeste, was wir tun können, um nicht als VOLLDEPPEN dazustehen: einen prominenten und erfahrenen GEGENREDNER zu Tisch zu bitten, z. B. jemanden von SÖS oder sonst jemanden, der Schuster so einheizen kann, wie er das verdient. Verpackt es unseretwegen als Dialog, so wie er das Ganze sicher als Dialog wahrgenommen haben will. Aber lasst euch nicht so billig benutzen.

Hellmut G. Haasis, Reutlingen
Marcus Hammerschmitt, Tübingen






Der Vorstand erzählt Quatsch. Wir retournierten:

Antwort zur Stellungnahme des Vorstands auf unseren Offenen Brief vom 13.10.2010

"Die Kunst der Diplomatie besteht darin, sein Gegenüber so schnell über den Tisch zu ziehen, dass es die Reibungshitze als Nestwärme empfindet." Müsst ihr nicht auch an diesen Spruch denken, wenn ihr euch selber reden hört? Nein. Ihr müsst gar nicht denken, ihr habt euer fixes Sprüchlein vom "kritischen Dialog" bereit, eine rhetorische Allzweckwaffe, die besonders gern dann auf den Plan tritt, wenn weder von Kritik noch von Dialog die Rede sein kann, wenn das eine nicht erwünscht und das andere nicht geplant ist.

Man kann, ja man muss ein wenig auf die Stuttgarter stolz sein, die in immer größerer Zahl begreifen, dass solche Phrasen nur eines bedeuten: den festen Willen zur Verschleierung. Die vollkommen richtig an einem Baustopp als Vorbedingung zu Gesprächen festhalten, weil alles andere lächerlicher Unfug ist. Die begriffen haben, dass die "ausgestreckte Hand" von Mappus, Schuster und Konsorten eher eine geballte Faust in einem eisernen Handschuh ist. Aber die Schriftsteller in Baden-Württemberg, bzw. die Mitglieder des VS-Vorstands begreifen das nicht. Man fragt sich: warum?

Wir möchten nicht mit euch Grundschule spielen. Aber wenn ihr auf den traditionellen Charakter des Stuttgarter Schriftstelleressens abhebt, dann weisen wir doch noch einmal darauf hin, dass nicht alles gut ist, was Tradition hat; dies eine Binsenweisheit, die Erwachsenen jederzeit einleuchten sollte. Umso mehr, als sich jetzt erweist, wie schlecht diese Tradition ist: Sie gibt den VS in Baden-Württemberg der Lächerlichkeit preis, und obwohl wir Mitglieder sind, lachen wir mit, allerdings ohne Spaß.

Redet nur mit Schuster. Redet mit ihm, der nach dem Auftreten von staatlich organisierten Schlägertrupps in "seiner" Stadt nur salbungsvolles Gewäsch zu bieten hatte, und, na klar, das fixe Sprüchlein vom Dialog, das euch auch so behagt. Making a frog's dance in a snake's mouth soll ja auch eine Sportart sein, ihr seid schon recht fit darin.

Es tröstet uns nicht wirklich, dass euer Verhalten sich nahtlos in eine Reihe von Pleiten beim Landes- und Bundes-VS einreiht. Das Versagen bei der Causa Walser, die unsägliche Erklärung zum Irak-Krieg 2003, das deutschnationale Gefasel zum geplanten Verkauf der Karlsruher Nibelungenhandschrift, die peinlich-ahnungslose Allianz mit dem Börsenverein in Fragen des Urheberrechts ("Frankfurter Mahnung") - ja, es gibt eine solide Tradition des Unfugs, vor der ihr euch in euren Gesprächsangeboten an Herrn Schuster mit allem Nachdruck verbeugt.

Wir meinen, dass euch nach diesem Totalversagen im Fach politische Kritik drei Möglichkeiten offen stehen:

1) Ihr macht weiter wie bisher, und hofft, dass sich das alles wieder verläppert. Das hättet ihr am liebsten, nicht wahr?

2) Ihr tretet zurück. Das würde jedenfalls Mumm und Konsequenz beweisen.

3) Ihr übernehmt eine Patenschaft für die neuen, noch gefährlicheren Wasserwerfer, mit denen auch die baden-württembergische Polizei ausgerüstet werden wird. Eins dieser Gefährte könnte doch als "WaWe 1000 Cobra >Thaddäus Troll<" in den "kritischen Dialog" zwischen Polizei und Demonstranten
eingreifen, nicht wahr?

Zum Schluss noch ein Wort zu der "Offenheit", die ihr euch an die stolzgeschwellte Brust heftet. Warum wir statt verbandsinternem Unterholz-Gefußel die Form des Offenen Briefs gewählt haben? Weil Offenheit gegen Gemauschel wirken kann. Manchmal sogar in Schwaben.

Marcus Hammerschmitt, Tübingen
Hellmut G. Haasis, Reutlingen


Haben Sie sich auch schon mal überlegt, der Einladung zu folgen und OB Schuster im Gespräch zu fordern? Das ist das Mindeste, was ich von Frauen und Männern des Wortes - und das wollen Sie doch wohl sein - erwarte. Wie wenig raffiniert und durchdacht, dem Herren eine empörte und so lapidare Absage zu erteilen anstatt ihm eine Plattform für einen weiteren peinlichen Auftritt zu gewähren und ihn zu entlarven (das ist doch nicht so schwer, siehe OB Schusters Videobotschaft und ähnliche Pannen). Öffentlichkeitswirksam, den Spieß einfach umdrehn, das sollte Ihre Devise sein. Diese jetzige Reaktion - auch den hier veröffentlichten Kommentar mit all den langweiligen Platitüden über und zu Schuster - finde ich schwach.


Ich frage mich gerade, welche Art von Dialog es mit Leuten geben kann, die den Werkschutz (formerly known as "Polizei") inklusive Wasserwerfern auf die protestierende Bürgerschaft loslassen. Die werden erst dann wieder gesprächsfähig, wenn sie ihre zahlreichen Fehler eingesehen haben und von ihren öffentlichen Ämtern zurückgetreten sind.


Genauso ist es. Aber Spezialdemokraten wie "MAGsein" ist das nicht einsichtig. Die machen sich ins Hemd, bevor sie zu Papa mal "nein" sagen, selbst wenn er sie befummeln will. Schuster ist seine Peinlichkeit egal, er ist ein Politiker. Was er im Moment will und braucht, sind ein paar Dummköpfe, bei denen er gut Wetter machen kann; ist ein Foto, auf dem ihm ein Schriftsteller-Vertreter die Hand drückt - nicht mehr und nicht weniger. Und natürlich wird es dazu kommen, nicht wahr, "MAGsein"?


Java-Tutorial

Aufgabe:
Programmiere eine DialogBox SchriftstellerEssen, an die ein BuergerMeister-Objekt übergeben werden kann.
Verwende dabei die BuergerMeister-Methoden BuergerMeister.setBoese(Boolean isBoese) und BuergerMeister.getBoese(), die in lokalen Stuttgarter Tageszeitungen automatisierte Schlagzeilen ausgeben (eine gemeinsame Klasse Feuilleton und Lokales für mehrere Zeitung-Objekte reicht).

Anschlussfrage:
Mit welchem EventListener welcher der obigen Klassen kann die Fachklasse S21 modifiziert/erweitert/resettet werden?

[Manfred «Sir» Lanzelot, Burgfrieden mit Swing (Addison-Wesley 2010)]


"Nerds gege Schwobeseggl".


Die empört-besonnenen Schusterjungen toben sich im Autorenforum aus. Martin v. Arndt (übrigens ein guter Autor), der "nicht in Sippenhaft" genommen werden will, und offenbar gegen Stuttgart 21 ist, hat als Vorstandsmitglied sowohl die Einladung an Schuster mitgetragen als auch den Einladungstext an die Mitglieder, der Hellmut und mich bewogen hat, etwas zu sagen. Er ist der verantwortliche Redakteur der Mitgliederzeitschrift ("Die Feder"), in der dieser Einladungstext zu finden war. Aber er möchte dieses Herumgeeier nicht kritisiert sehen. Nun denn. Der Vorsitzende selbst, Matthias Kehle, meint jetzt, der Aufruf zur Pünktlichkeit sei nicht ein Sonderappell wg. Erscheinen des Kurfürsten gewesen, sondern diene der Entlastung des Prekariats im Ratskeller. Das muss nämlich ordentlich für uns arbeiten können. Und er will für seine kleine Schusterei allen Ernstes die Seriosität der tatsächlichen S21-Gegner okkupieren, die dem Kartell der Korrupten immerhin ernste Zugeständnise abgerungen haben (die nicht "Baustopp" heißen dürfen, weil die Korrupten von ihren Auftraggebern nicht in den Hintern getreten werden wollen). Und natürlich lobt er Geißler, der seine Spaltungsarbeit sehr ernst nimmt. Bei solchen Schusterjungen - wer braucht da einen Schuster?


Hans Peter Roentgen, der sich als Schreibratgeber versteht, bezichtigt mich der "bewussten, frechen Lüge", vergleicht mich dahingehend mit Herrn Schuster etc. etc. Ich hab ihm geschrieben:

Sehr geehrter Herr Roentgen,

jetzt wird's dann langsam unschön.

In der Einladung zum Schriftstelleressen in der "Feder" heißt es:

"Nun hat OB Wolfgang Schuster zugesagt, zu kommen und ein paar Worte an uns zu richten – mit anschließender kurzer Diskussion."

"Nach den Erfahrungen der letzten Jahre und angesichts der Anwesenheit des OB bittet der Vorstand um Pünktlichkeit und eine verbindliche Anmeldung."

Sie behaupten allerdings:

"Die Mahnung, pünktlich zu sein, habe ich schon mehrfach in der Feder bei Einladungen zum Mittagessen gelesen, da lügt Hammerschmitt bewußt und genauso frech wie der OB."

"Also um ein Mißverständnis auszuräumen: Es geht nicht um ein Gespräch. Sondern die Stadt Stuttgart hat die Schriftsteller auf ihrer VS-MV zum Mittagessen eingeladen. Und der OB hat sich eingeladen, dazu ein Grußwort zu sprechen. Diese Idee, dass da eine Diskussion stattfinden soll, stammt von diesem Hammerschmitt, entbehrt aber jeder Grundlage."

Zusagen kann nur, wer eingeladen worden ist. Eine Diskussion als Ziel ist explizit erwähnt. Die Aufrufe zur Pünktlichkeit der letzten Jahre bezogen sich nicht auf das Erscheinen eines OB, da kein OB erschien. Für jemand, der ein "Schreibratgeber" sein will, wäre es eigentlich selbstverständlich, sich an die Textlage zu halten; ich möchte Sie aber dann doch noch einmal gesondert bitten, das auch zu tun und Ihre Beiträge im Autorenforum zu korrigieren.

Mit Grüßen,

M. Hammerschmitt


Frischer Müll im Postfach. Nachdem der "Schreibratgeber" zugegeben hat, den Text nicht "genau" gelesen zu haben, den Hellmut und ich eingangs kritisiert haben, lehnt er es ab, seinen Schnack von der "frechen, bewussten Lüge" zurückzuziehen. Damit müsse ich wohl leben. Dann deliriert er sich irgendwas zusammen über Einladungen, die keine sind etc. Zusätzlich bekundet er, lange in Studentenparlamenten gewesen zu sein. Das glaube ich ihm gern. Anscheinend sitzt er immer noch in einem herum. Wie beschreibt man das Niveau dieser besonnenen Freunde des Dialogs? Es ist ja unbeschreiblich, was aber nicht heißt, dass es nicht adressiert werden kann:

Never wrestle with a pig. You both get dirty, but the pig likes it.


kommentar dazu:

windschief.twoday.net