The Fog of War. Das alte Krokodil sitzt da und weint, ein bisschen. Errol Morris gibt ihm auf wunderbare, subkutan wirksame Weise die Gelegenheit, sich selbst zu demontieren ("just enough rope to hang himself").
Das Gespräch wird von McNamara geführt und kontrolliert, aber die Bilder und die trügerisch leichte Musik von Philip Glass strafen das Krokodil Lügen. Wenn es um die moralischen Kalamitäten im Zusammenhang mit der Tötung von (mind.) 100.000 Einwohnern Tokios am 9./10.3.1945 geht, addiert der Film in rasender Geschwindigkeit die Verluste, die anderen japanischen Städten durch die Brandbomben zugefügt wurden - es hat immer ein bisschen mehr gegeben als zu zugibst, Krokodil.
"Aber!" sagt McNamara mit erhobenem Zeigefinger, wenn er sich selber in Gefahr sieht, moralisch zu schlecht weg zu kommen. Die Schlüsselszene hat gar nichts mit dem Zweiten Weltkrieg oder dem Vietnamkrieg zu tun. Als Funktionär bei Ford ließ McNamara Experimente durchführen, bei denen Totenschädel in verschiedener Verpackung ein Treppenhaus hinunter geworfen wurden - neue Sicherheitsmerkmale sollten für Ford-Autos entwickelt werden. Der Film zeigt dazu genau das: Totenschädel, die in verschiedenen Verpackungen ein Treppenhaus hinunter geworfen werden. Der Subtext, den McNamara gerne hätte: "Ich bin zwar ein altes Krokodil, aber! - ich habe auch Menschenleben gerettet. Vielleicht genau so viele, wie ich vernichtet habe. Break even, oder?" Der Subtext, den der Film bereitstellt: McNamara möchte gern mit seinen Auskünften ein moralisches Sicherheitssystem für sich selber schaffen. "Ich falle aus großer Höhe, aber! - da mein Selbstbild gut gepolstert ist, bleibt es beim Aufprall heil."
Am deutlichsten weint das Krokodil, als es sich daran erinnert, wie es einen Platz für die Beerdigung John F. Kennedys ausgesucht hat. Wer hinsieht, sieht ein paar Tränen. Wer genauer hinsieht, sieht einen bis in die Fingerspitzen auf Gehorsam und Gefolgschaft getrimmten Technokraten, der sein Gewissen immer dann auszuschalten wusste, wenn es darauf ankam. So dass es jetzt blütenrein ist. McNamara mit Albert Speer zu vergleichen, ist inhaltlich falsch, aber strukturell richtig.
Die wahre Lektion aus dem Leben Robert McNamaras? Schaut euch das Krokodil an. Und dann rette sich, wer kann.
Technokraten...da zitiere ich doch gern mal wieder Tom Lehrer: www.youtube.com
d.
Immer wieder gut. Ja, sie kommen aus der Technokraten-Abteilung der Krokodilschule, die McNamaras, Speers, von Brauns.