Freitag, 14. September 2007



Und dann fuhr ich nach Dresden, zum Penta-Con 2007. Eine Nachtreise im EN 353 von Frankfurt (Flugh.) nach Praha, die sich nicht so leicht vergisst. Vier andere Männer mit mir im Abteil, auch ein völlig schwarz gekleideter Kahlkopf, dessen anhaltende Nervosität mich ansteckte. Vermurkste Schlafversuche, wegnicken, aufwachen, Schaffner, wegnicken, seufzen, dem Kahlkopf beim hektischen Bearbeiten seines Handys zusehen, Sitzposition verändern, wegnicken, Schaffner, usw. Diese eine Stunde Aufenthalt in Leipzig zum Wechsel der Fahrtrichtung; neonentzündete Augen beim Rausschauen und drinnen die Verzweiflung der Schlaflosigkeit.

Aber der Dresdner Hauptbahnhof: um sechs Uhr in der Früh ein überraschend angenehmes Erlebnis. Hell und unbedrohlich, mancher Dienstleister hatte bereits geöffnet. Ging fröhlich narkotisiert von meinem Schlafmangel trotz des Regens in die Stadt, scoutete den Weg zu Hotel und Tagungsort aus, Prager Straße bis zum Altmarkt. Leere Geschäfte, Baustellen, die Stadt wachte auf zu einem grauen Tag. No problems with Dresden. Dann wieder Internet Café im Bahnhof, überteuerter Tee, Schließfach- und Toilettenbenutzung. Schlüssel, Durchlässe, Zauberworte, Geld (natürlich immer Geld).

Zum Palitzschhof, benannt nach Herrn Palitzsch. Ein kleines Treffen, vielleicht einhundert Anwesende. Erster Preisempfang, zweiter Preisempfang; ich bedankte mich ungelenk; tat die ganze Zeit einfach, als sei ich ein Anwesender. Konnte nur an den Programmpunkten teilnehmen, bei denen ich explizit etwas zu bestellen hatte; auch den Kollegen Steinmüller und Franke bei Lesung und Vortrag zuzuhören war schlechterdings nicht möglich.

Kurzer Gang um den Pudding, Entspannungsfotografie. Kaum hundert Meter weit gekommen, konfrontierte mich ein Anwohner.

"Schönen guten Tag. Fotografieren Sie hier im Auftrag?"

"Nee, nur Hobby."

"Aha, Hobby. Ich dachte, Sie fotografieren hier im Auftrag."

"Nee."

Es hatte eigentlich nur gefehlt, dass er mich als "junger Mann" titulierte. Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was für einen Auftrag er wohl gemeint haben könnte. Ich machte mich davon.

Lesung mit Ulrike Nolte. Eine feine Sache, denn wir stützten uns wechselseitig in unserer Nervosität, und ein angenehmer Mensch in der Fremde ist immer ein Segen, auch bei großer Müdigkeit.

Hotel. Zu müde, um gut zu schlafen. Standardfrühstück, Standardtaxi, Standardabfahrt von Dresden, und im Verlauf der anschließenden Reise gab es nur eine einzige Verspätung.





Ibis






Eine Che Guevara-Fahne war die Wegmarke. Dort angelangt, hatte man die Hälfte des Wegs zwischen Ferienhaus und Ort geschafft. Meine Kinder wachsen mit dem Gesicht Che Guevaras auf, wie ich mit dem Gesicht Rudi Carells aufgewachsen bin. Das finde ich recht seltsam.

Aber ich achte ohnehin auf Zeichen. So frage ich mich zum Beispiel, was der Piktrogramm-Chinese auf griechischen Limonadenflaschen wirklich macht. Es muss wohl die griechische Version von Haltet-Eure-Umwelt-sauber sein. Zwei Piktogrammmädels gehen Arm in Arm an einem Abfallkorb vorbei. Da knallt dem einen Mädel der Chinese was auf den Schädel, und das andere Mädel lässt seinen Müll in den Abfallkorb fallen. Champollion, übernehmen Sie.

Ich erinnerte mich daran, dass ich einen Polfilter dabei hatte. Gegen Ende des Urlaubs hin wurden einige Bilder sehr blau.

Schildkröten blieben ein Thema. Dutzende von freiwilligen Helfern sorgten mit Markierungen, regelrechten Schildkrötenstraßen und ständiger Überwachung dafür, dass die Krabbler, einmal geschlüpft, auch gleich ins Meer fanden. Neues Wort gelernt: hatchling. Manchmal dachte ich, die ganze Fürsorge wäre bei Menschenkindern auch gut angelegt.

Beim Morgenschwimmen sah ich: Ein kleiner Rochen war auf der Flucht vor einer Flunder, die ihn über mindestens zehn Meter Meeresboden hinweg verfolgte. Wahrscheinlich waren sie beide eher auf der Flucht vor mir, aber es sah zu komisch aus, wie der kleine Fisch den größeren vor sich her trieb.

Inside of Love, dieser unglaubliche Song von Nada Surf wieder. Of course l'll be alright, l just had a bad night. Aber die kleine Musiksammlung auf meinem iPod Touch Classic war zu klein, ich hörte sie mehrfach durch. Daheim dann von den üblichen Sachen enttäuscht gewesen, denn ich nehme ja nur das Beste mit.

Aufbissschiene: ein Schutz gegen die Schläge der Nacht.

Pünktlich zum 1. September war der Sommer zu Ende, es gab wieder Wolken auf der Peloponnes, die Waldbrände hörten auf; Bürgersteige hochklappen, Strandstühle zusammenstellen, Bars schließen, Temperaturen senken, dem Meer Schaumkronen aufsetzen durch Beschleunigung der Winde: Das war die Hauptarbeit der Götter des Saisonendes. Wir blieben noch eine Woche länger und rieben uns verwundert die Augen, als sie mit aller Gründlichkeit getan war.

Aspekt II Aspekt I





Donnerstag, 13. September 2007

Das war ein Strand, nur an den Enden belagert, und frei genug dort, wo wir waren; man baute sich Hütten aus Bambus, um der Sonne zu entgehen, dem Wind aber nicht; das Meer stand zur Verfügung bei machbaren Preisen.

Im Ort und darum herum gibt es eine Kolonie von deutschsprachigen Althippies und -aussteigern, auch in saisonaler Teilzeit (sommers dort, winters hier), sie leben von denen, die nur zu Besuch kommen. Man hat kleine Boutiquen, eine Surf- und Segelschule, macht Olivenöl, man kennt sich, man war schon vor zwanzig Jahren hier, ab und zu gibt es eine Strandparty. Es gibt auch Kreativitätstraining, Tanz & ein wenig Seelenpflege in der Sonne, abends zum Meeresrauschen. Nichts Großes, es soll nicht zu schnell werden. Das kann so bleiben, denn große Bauvorhaben wurden zunächst aufgegeben.

Auf der Suche nach einem Busfahrplan. "Where can the tourist office be found?" "We are all the tourist office." Kalimera, kalimera.

Kleine graue Fische wurden angeschwemmt, die hatten die Waldbrand-Asche für Futter gehalten.

Wenn man lange an einem Strand ist, dann bemerkt man die Veränderlichkeit. Auf gleiche Weise anders sein, ist eine Tugend des Meeres. Ich glaube, es will nicht fotografiert werden.

Manchmal verlaufe ich mich ja ganz gern in die Nebensachen. Hier war es eine Ferienanlage etwas ab vom Strand, geplant anscheinend von amerikanischen Developmentstrategen für die Zeit nach einem Sieg in Vietnam, dann seltsamerweise in Griechenland realisiert; irgendwas zwischen Palm Springs, Saigon und wieder Griechenland, eine Mini-Insel der architektonischen Verzweiflung, mit passendem Mini-Market, wo die Waren in kleinen, weit voneinander entfernten Haufen auf den Regalen lagen. Nicht einmal das Eis in der Truhe war das gewohnte, wo der Frappé doch in G überall von der gleichen Firma kommt, der bekannten. Ich kaufte das Eis, es war furchtbar. Aber ich aß es, aus Trotz. Auch der passende Sportplatz. Wer kann dort Urlaub machen? Fun on Terminal Beach.

Ich hab das probiert mit den Kaktusfeigen. Bis die winzigen Haarstacheln wieder aus meiner Hand entfernt waren, es dauerte seine Zeit.

Die Kinder suchten Muscheln und fanden dieses wunderbare Meeresglas, das rund und stumpf gewaschen worden ist, vielleicht sind es ja doch versteinerte, verglaste Bonbons. Paul fand ein blaues Stück, es war ihm gleich heilig.

Der verrückte Inder, mit Videokamera und Bambustaktstock bewaffnet, er hetzte seine Tochter am Strand entlang. Schwimmen sollst du, schwimmen!

Manchmal langweilte ich die Kinder mit Erklärungen. Ich mochte meinen Bauch nicht.

Aspekt I Aspekt III





Eugene, Autolux





Georg Michael Welzel







Many firsts. Zum ersten Mal einen Oktopus berührt und einen anderen bei verschiedenem Verhalten beobachtet. Kleine Seeschildkröten beim Spurt ins Wasser gesehen. Fledermauskacke im Brusthaar, auch eine interessante Erfahrung. Die Sonarschreier lebten im Dachgestühl und gingen bei Einbruch der Nacht auf die Jagd.

Längste Abwesenheit von der kleinen Stadt seit 1992. Längste Abwesenheit vom Internet seit 1994.

Von den Waldbränden kamen zu uns nur Asche und Gerüchte. Einige Tage lang sah das Licht mittags aus als sei schon Abend, und die Haut der Menschen war seltsam orange. Als der Strom ausfiel, fürchteten wir um die Vorräte im Kühlschrank. Ich ging in den Ort und beobachtete die Griechen beim Fernsehen. An den heiseren Stimmen der Nachrichtensprecher erkannte ich, dass eine schlimme Sache noch schlimmer gemacht werden sollte. 63 Tote.

Die Wiederentdeckung des Zitronenwassers. Zwei Zitronen und sechs Löffel Zucker auf anderthalb Liter Wasser: das beste Getränk bei gefühlten 57 °C im Halbschatten.

Was sich der Körper so dachte: Pusteln zum Beispiel. Mallorca-Akne, die sich nicht an ihren Namen hielt.

Ich sah mich gespiegelt in anderen deutschen Urlaubern, ich sah mich befremdet. Unsicher, steif, mit Schelte rechnend, ums Überleben bemüht.

Das Meer, das Meer.

Es gab natürlich auch ein Kloster, und allgemein sonst zu viele Kreuze. 98% der Griechen werden zur griechisch-orthodoxen Kirche gezählt, man merkt es.

Was hätte ein Auto genützt, auf glühenden, ständig von der Schließung wg. Waldbrand bedrohten Paßstraßen? So blieben wir am Strand und sahen die Mani von fern, photographieren wollte ich das natürlich auch.

Rotgelbe Löschflugzeuge am Himmel, auf Patrouille, wasserschwanger.

Ich schrieb und schrieb, es war ganz leicht.

In den Zwischenzonen, abseits der gelenkten Aufmerksamkeit oft ein verrecktes und verdrecktes Land; Bauruinen, ganze Hotel- und Komplexgerippe an den Hängen, denen die Investoren und die Protektion durch die Behörden ausgegangen waren; man spricht von einer Bürokratie, die man sich in Deutschland gar nicht vorstellen könne. Die Liebe zum Stahlbeton, und der Unwille, die herausragenden Armiereisen abzuflexen, wenn die Bude fertig ist.

Athen, meine Fresse.

Die Wahlen standen bevor. So viele Plakate. Kommunisten in mindestens drei verschiedenen Geschmacksrichtungen, und mit Werbeetats, da kannste von Revolution machen. Andere Parteien, auch mit Flaggen und Sternen. Ein komischer Seifenoperndarsteller mit rotem Boxhandschuh, von der Regierungspartei, glaube ich. Ach, ich konnte ja nichts lesen.

Auf einem angelandeten Katamaran liegend in die milchstraßenüberschäumte Nacht hineindösen, das kann ich haben. Die Kinder bestanden darauf, gleich im Sand zu schlafen; beschwerten sich später auch nicht über die roten Flatschen, die die Sandflöhe auf ihrer Haut hinterließen. Kind sein heißt zäh sein.

Habe ich schon erwähnt, dass es heiß war? Der Oktopus, wenn gefangen, wird gern im Sud gekocht, den er bei Erhitzung absondert. So fühlte ich mich oft auch.

Bei "Kalamata" vertat ich mich immer wieder, wg. der Vorlektüre 1 | 2.

Aspekt II Aspekt III





Mittwoch, 12. September 2007

Mangelnde Rechtskenntnis





Dienstag, 11. September 2007

Katzencontent





The Funk





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