Mir gegenüber ab Reutlingen ein Junge, der sich sofort, nachdem er Platz genommen hat, über seinen PDA beugt und mit seinem Stylus Buchstaben für Buchstaben einen Text einstiftet. Danach liest er "Excel für Marketing und Vertrieb". Halbrechts vor mir eine Frau (ein "Tübingen-Gesicht", würde M. sagen), die ein Buch von "Jung" studiert (ist es C.G.)? Am Rande eines Weihers immer noch Eis. Ich frage mich wie das Wetter in Leipzig wohl sein mag?

Schneeregen in Leipzig. Das Hotel liegt gleich neben dem Bahnhof. Kurzes Gespräch mit Frau K. vom Verlag, sehr angenehm. Einladung zu der späteren Fontane-Lesung dann doch ausgeschlagen, statt dessen erste Inspektion des Leipziger Hauptbahnhofs seit 1993. Ist ein helles Kaufhaus geworden, man bekommt alles bis 22.00 Uhr, warum auch nicht, Verlockungen der Distributionssphäre. Die Soljanka-Bude gibt's nicht mehr, statt dessen plötzlich gute Laune am Dönerstand. Die Buchhandlung ausfindig gemacht, an der ich anderntags Seewolf treffen will, an diesem Abend abend liest Wladimir Kaminer etwas vor, was mich nicht interessiert.

Angenehmes Frühstück mit Frau K., danach ebenso angenehme Taxifahrt zur Helmholtzschule. Erstbegegnung mit leicht unsicheren Lehrkräften, Auftritt die Schüler. Zwei Klassen, eine 10. aus der Helmholtzschule selbst, eine 7. ist aus der Nachbarschaft gekommen. Keine Begrüßung, keine Vorstellung. Ich fange nach kurzer Vorrede an, fünfzehn Minuten später stelle ich fest, dass ich niemand erreiche, der überwiegende Anteil der Zehntklässler ist gelangweilt und desinteressiert, die Siebtklässler sind aufmerksamer, aber offenbar geht ihnen der Text über die Hutschnur. Dann fangen zwei stark geschminkte und übergewichtige Zehntklässlerinnen in der ersten Reihe an zu essen und die SMS-Dienste ihres Telefonieproviders in Anspruch zu nehmen, die Besatzung der hinteren Rängen hat offenbar vorsorglich die Mp3-Player mitgebracht und hört jetzt Musik. Die beiden Lehrkräfte sind passiv. Ganz hinten sitzt Frau K., verdreht die Augen, schaut verlegen zur Seite. Die letzte Viertelstunde wird richtig herb, die Schüler merken, dass die anwesenden Lehrerinnen nicht einschreiten werden, immer lauter wird das Getue, Gehüstel, Getuschel, etc. Ein wunderbarer Mob. Ein Nachzügler kommt herein, er setzt sich in die erste Reihe. Das ist jetzt der Klassenclown, denke ich, der die Sache ganz zum Kippen bringt. Im Gegenteil, er stellt sich als der einzige interessierte Zuhörer heraus. Er macht den Kohl nicht fett. Bei Seite 27 breche ich ab, drei Fragen gibt es auch noch, danke für die Unaufmerksamkeit. Während Frau K. mit der Lehrerin der Zehntklässler Manöverkritik zu treiben beginnt, stellt sich ein Großteil der Zehntklässler noch einmal auf, um mir ironisch Applaus zu spenden (vereinzeltes Gejohle dabei), und dann vereint abzuziehen. Die Lehrerin der Siebtklässler findet, dass die Lesung eine Überforderung für ihre Schüler war (der Verlag schickte das Material zwei Wochen before the fact). Die der Zehntklässler ist verärgert über das Verhalten ihrer Schüler, hätte sich aber gewünscht, dass ich sie zur Raison bringe. Frau K. macht ihrem Unmut in wohlgesetzten Worten Luft, erwähnt auch, dass sie sich überlege, wie und in welcher Form sie unter solchen Bedingungen Schullessungen noch weiter anbieten könne. Abfahrt zur Messe. Ich habe die schlimmsten Vorahnungen zu der anschließenden Lesung in einem offenen Messeforum, rechne mit einem zweiten gelebten Alptraum. Als wir bei dem sog. "Schwarzen Sofa" ankommen, sind die Zuschauerränge voll besetzt (über 100 Plätze), ich weiß nicht, was ich davon halten soll, denke fast, die Massen hätten sich in der Veranstaltung geirrt. In den vorderen Reihen Acht- oder Neunjährige, denen ich das Verständnis meines Textes nun eher nicht zutraue. Die Lesung wird ein voller Erfolg, kaum Unruhe im Publikum, die ganz Jungen gehen nach einer guten halben Stunde, was mich nicht überraschen kann, ansonsten keine Abwanderungsbewegungen, eher kommen noch Leute von den umliegenden Ständen dazu. Höre wie am Vormittag bei S. 27 auf, bin aber mit dem Ergebnis weitaus zufriedener. Ein älterer Herr kommt auf mich zu und lässt sich meine Gedichte aus Lyrik von JETZT signieren, sowie den Tod eines Künstlers. Das sei aber jetzt mal ganz was anderes gewesen, sagt er. Ich kann ihm nur zustimmen.

Danach essen beim preiswerten Italiener. Danach tiefer Mittagsschlaf ohne schlechte Träume.

Später erfahre ich, dass ich mir um die Zukuft der DDR keine Sorgen zu machen brauche, denn sie lebt. Und zwar im Museum der bildenden Künste Leipzig. Sie lebt und west dort auf folgende Weise. Am Eingang kläre ich alles im Vorhinein, mein Presseausweis erlaube mir freien Zutritt heißt es, mit dem Fotografieren sei es vielleicht schon ein bisschen schwieriger, aber ich solle immer nur meinen Presseausweis bereit halten, die Kollegen wüssten dann Bescheid. Die erste Kollegin hält mich im ersten Saal auf, ob ich wohl eine Fotoerlaubnis habe? Ich zeige ihr meinen Presseausweis, sie ist es zufrieden. Schönes und Scheußliches von Klinger bis Beckmann, dazwischen immer wieder Überraschungen von Leuten aus der ehem. DDR, die alten Schinken von 1500 ab interessieren mich wie immer nur mäßig. Ich fotografiere. Erneute Presseausweiskontrolle ("Haben Sie denn auch eine Fotoerlaubnis?"), meinerseitige Aufklärung, dass mir an der Kasse gesagt wurde etc., etc. Ich laufe weiter herum und fotografiere das fantastische Gebäude, das von außen so furchtbar aussieht und von innen eine wahre Pracht ist, auch ein wenig Neonkunst kommt mir vor die Linse, ich freue mich schon auf die Bilder. Die erste ernsthafte Diskussion gibt es im zweiten Stock ("Haben Sie denn auch eine Fotoerlaubnis?"), langsam werde ich unruhig, diese Museumswachen kommen offenbar auf Touren. Nach einem kleinen Zwischenspiel in einem Raum mit interessanter Gebirgsinstallation ("Wenn meinen Kollegen der Presseausweis gereicht hat, dann reicht er mir auch") ist endgültig Schluss mit lustig - eine besorgte Museumswache bringt mich zu ihrem Vorgesetzten, an der Kasse wüsste man von nichts, die Sache müsste jetzt mit dem Objektleiter abgeklärt werden. Der Vorgesetzte telefoniert mit dem Objektleiter. Kurz bevor er mir den Telefonhörer weiterreichen will, scheint sich die Situation zu klären. Ob das ein Fotoapparat ohne Blitz sei? Ich halte ihm meine Kamera mit pflichtschuldigst eingeklapptem Blitz vor die Augen, er meldet der Objektleitung Blitzlosigkeit. Ergeht der Bescheid: Für jetzt sei das Fotografieren gerade noch einmal ok, das nächste Mal hätte ich mich bitte vorher mit dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit abzustimmen, um eine Fotoerlaubnis zu erwirken. Ich danke herzlichst, denn ich bin ohnehin fertig mit meinem Rundgang, und hoffe, dass die Kamera auf dem Weg nach unten nicht vielleicht doch noch von einem mobilen Kunst-SEK eingezogen und der vorsorglichen Vernichtung zugeführt wird. Wovor haben diese Leute eigentlich Angst? Dass man ihnen die Bilder stiehlt, mit blitzlos aus der Hand gemachten Aufnahmen? Dass albanische Bildprachtbände, die auf diesen Amateuraufnahmen beruhen den deutschen Bildprachtbandmarkt überschwemmen? Ach wie leicht war es in Kopenhagen.

Abends dann noch eine Stadtführung mit Seewolf. Ernsthaft werde ich geführt durch die Leipziger Passagen, erfahre ich Details aus der architektonischen, der sozialen Geschichte Leipzigs. Die tiefen Hinterhöfe der Handels- und Patrizierhäuser, der Platz vor dem neuen Gewandhaus, das Gewandhaus selbst, die Mahnwache an der Nikolaikirche und die Kirche selbst, Spezialitäten über den Leipziger Untergrund (ehemalige Sümpfe um den Bahnhof!), die Eigenheiten des Bahnhofs, die Notwendigkeiten im Zusammenhang mit dem Bau einer kleineren U-Bahn-Strecke, Aufklärungen über Goethes Benehmen in der Stadt, seine damaligen Beziehungen zu den Leipziger Frauen, die Lebens- und Produktionsumstände von Johann Sebastian Bach, Thomaskantor. Wir treffen bei unserer Stadtwanderung auch auf einen professionellen Fremdenführer mit Dreispitz und Hellebarde, Seewolf bekundet seinen Respekt vor der Professionalität der Hauptamtlichen, aber so wie er es macht, gefällt es mir besser. Als sich bei mir Hunger und Durst melden, steuert er schon ein Lokal an.

Guter Schlaf, am Morgen dennoch Ärger, dass die Putzerei um 7 Uhr beginnt, dauernd vom Gang her das Geklimper der Eimer, um 7.30 häng ich das Störmichnicht-Lätzchen vor die Tür, damit niemand hereintapert, wenn ich dusche.

Fahrt von Leipzig nach Nürnberg. In der ehemaligen DDR steht noch erstaunlich viel ehemalige DDR umher, heute wie damals schmutzbraun, jetzt aber zusätzlich noch entglast. Irgendein VEB, Schaumgummiwerk. Weitläufiger Verfall. Das war auch in Leipzig eine Überraschung, und zu den Ruinen von damals kommen schon die neuen Investitionsruinen hinzu.

Damit es eine Ordnung hat, wird meine Internet-Fahrkarte mehrfach pro Fahrt mit allen Schikanen kontrolliert, die Bahncard wird durch das Lesegerät gezogen, Codes werden eingegeben. Visionen von der zukünftigen Auffindung veralteter Speichermedien in einem verrotteten Bahnrechenzentrum, die diese wunderbaren Daten vielleicht einmal enthalten haben.

Überall noch Schnee auf den Feldern, vereiste Bachläufe und Tümpel. Auf den Feldern öfter Trainspotter mit Kameras. Temperatur auf dem Bahnhof Jena-Paradies: +1 Grad. Im deutsch-deutschen Grenzgebiet zwanzig Zentimeter Schnee, Ski und Rodel gut. 18.3. Der Winter hört nicht auf zu übertreiben.

Ein Mopedfahrer in Ellwangen, ein Junge, der in der Sonne Fussball spielt. Und schon ist sie wieder da, die Sehnsucht nach einer Kindheit, die nie war. "Der Staub jener Tage vor Frühlingsbeginn". Plötzlich macht auch das Zugfahren wieder Spaß.

Und so setzt sich das fort.