Man mache doch einmal die Probe, man nenne eine Reihe großer Namen wie etwa Laotse, Dante, Montaigne, Shakespeare, Pascal, Cervantes, Balzac, Dostojewski - und füge dann, weil es so Sitte ist und weil man ein Deutscher ist, den Namen Goethe hinzu, - unwillkürlich wird man stocken und mit einem um Entschuldigung bittenden Lächeln ausrufen: Nein, das geht nicht.
Man könnte sogar weniger allgemein anerkannte Namen aufführen wie etwa Mark Aurel, Boccaccio, Laclos, Gogol, Poe usf., auch mit ihnen Goethe in einem Atemzug zu nennen, schämt man sich; d. h. wenn man ehrlich ist. Man hat das Gefühl, als stelle man neben schlichte Originale eine prätentiös verbürgerlichte Nachahmung. Als habe sich unter Aristokraten ein Parvenü eingeschlichen und spiele den Aristokraten. Ein Parvenü, der an universellem Wissen vielleicht die Aristokraten übertrifft, aber eben dadurch als Nicht-Aristokrat auffällt, weil er diese Überlegenheit nicht souverän verbirgt, sondern sich eben deshalb für einen Aristokraten hält, weil er so viel weiß und kann.
Mit einem Wort: Der tüchtige deutsche Provinzielle in Reinkultur. Alles, was er hat, ist nur abgesehen, um zu gelten und mitgezählt zu werden. Alles weiß er besser, aber aus zweiter Hand. Und unter dem anmaßenden Kostüm schaut immer der kleine Gernegroß hervor. Man wundert sich, daß Goethe kein Sachse war.
Es gibt eine Entschuldigung: Daß man sich nur als Deutscher dieser auf den Podest erhobenen Karikatur unserer selbst schämte (in der Tat, nicht Michel mit der Zipfelmütze, sondern Goethe wäre unsere richtige Karikatur), daß aber Ausländer diesen Provinzialismus gar nicht bemerken oder allenfalls als typisch deutsch hinnehmen. Aber gerade daß ein Symbol gewordener Oberlehrer als unser Idealtypus gesehen wird, ist so entsetzlich.
Hans Erich Nossack, 1962
Bei allem Respekt vor Nossack: das ist doch nicht wahr. Wahlverwandschaften, Diwan;…
Naja, dass er vom Publikum umstandslos auf den Künstler rückschließt (und ich glaube, dass das da passiert ist) ist vielleicht nicht ganz korrekt, aber mir gefällts auf Anhieb. Bei allem Respekt vor Goethe. :o)
Ich muss meinen Kommentar auch korrigieren: zu der Zeit, als Nossack das schrieb, war seine Äußerung ziemlich radikal. Also: Thumbs up!
naja, 62 hätte man lieber einen anderen, zeitlich näher liegenden Provinzialismus abarbeiten sollen
@supatyp: Fontane? Bergengruen? Schiller? (Für Schiller-Bashing bin ich lustigerweise immer zu haben)
Unbedingt updaten. Maxim Schiller vs. Henryk M. Göthe.
Noch besser: "AUFFE GLOCKE! MANN, EY!" (Topic: "Aggro Berlin" ist ein Pleonasmus)
BTW: man kann den Spieß auch umdrehen: die Reihung «Laotse, Dante, Montaigne, Shakespeare, Pascal, Cervantes, Balzac, Dostojewski» spricht nicht eben für ein Ausbrechen aus dem deutschen Bildungskanon jener Zeit. Gerade auch wegen des mitschwingenden Ehrfurcht-vor-Größe-Gefühls.
(Größe kanonisch gegeben zu sehen, statt Texte gegen den Strich lesen zu können und trotzdem/deshalb zu schätzen.)
Ach, weiß nicht.