Mittwoch, 3. Mai 2006




Als sportliche Herausforderung habe ich das Lesen nur begriffen, bis ich 25 war. Aber manchmal kommt es immer noch vor, dass ich Bücher zu Ende lese, obwohl sie mir zum Problem werden, zum Beispiel, indem sie mir das Herz abdrücken. Never Let Me Go ist so ein Fall. Man kann ganz einfach sagen, worum es in diesem Buch geht. Klone werden in internatsähnlichen Instituten aufgezogen, um später als Organspender zu dienen, bis nichts mehr von ihnen übrig ist. Zum Gähnen, nicht wahr? Das hatten wir doch schon bis zum Überdruß in besseren und schlechteren Science-Fiction-Schwarten seit den Sechzigern, oder? Der Punkt ist, dass diese Kurzbeschreibung gar nichts über das Buch sagt. Ishiguro versteckt das "brandaktuelle", "kritische", "aufrüttelnde" Generalthema auf eine unheimliche Art in dem Text, schiebt es an die Seite, wie es an die Seite geschoben würde, wenn die beschriebenen Zustände Alltag wären. Kathy H., die einen Alltag dieser Art lebt wie wir den unseren, wehrt sich nie, beklagt sich nicht, wird wohl manchmal bitter, weint wohl, aber was sie eigentlich um jeden Preis will ist: das Ungeheure als Normalität begreifen. Es gibt keine Gadgets in diesem Buch, keine maliziös lächelnden Weißkittel, keine Labore, es gibt nur die zum Scheitern verurteilten Versuche von Kathy H. und ihren Freunden, normal zu sein. Ein großer Teil des Texts wird eingenommen von den Erinnerungen an Hailsham, das "Internat", in dem sie aufgewachsen ist und auf ihre Aufgabe vorbereitet wurde. Hailsham ist für den Leser das böseste Gegenbild zu Hogwarts, das man sich vorstellen kann, aber für Kathy H. ist es das bittere, ein wenig schadhafte gelobte Land, die Kindheit, der Ort, an dem längst nicht alles, aber doch vieles in Ordnung war - im Gegensatz zu ihrem Erwachsenendasein, in dem es nichts geben wird, keine Familie, keinen Beruf, keine Freunde unter den "Normalen", nichts außer der kommenden Pflicht, sich in Stücke schneiden zu lassen für andere. Nun ja, eine Art von Beruf hat sie schon. Den Klonen wird vor ihrer unmittelbaren Karriere als "donors" die Möglichkeit eröffnet, "carer" zu sein, Sozialpädagogen, die dafür sorgen, dass alles glatt läuft, dass die Spender nach den ersten nichttödlichen Operationen wieder auf die Beine kommen, dass jemand für sie da ist. Die letzte Perfidie dieses Systems besteht darin, dass die "Carer" durch ihre Tätigkeit bis zur seelischen Erschöpfung ausgelaugt werden. Am Ende wünschen sie, der Spendenzyklus möge auch für sie beginnen. Das ist der Punkt, an dem Kathy H. steht, als sie ihre beiden besten Hailsham-Freunde Ruth und Tommy bis zum Ende begleitet hat. Ich kann nicht genug bewundern, wie Ishiguro hier eine Erzählung schafft, die immer nahezu perfekt ist, gleich, aus welcher Genreperspektive man sie anschaut. Das Buch überzeugt als Science-Fiction-Alptraum, Entwicklungsroman, Liebesgeschichte und Politthriller. Kurz vor Schluss muss der Roman für einige Seiten aus dramaturgischen Gründen zu einem konventionellen, immer noch sehr guten Science-Fiction-Text kollabieren, aber das spielt keine Rolle. Man hört öfter, Ishiguro sei ein Meister in der Darstellung der verunmöglichten Liebe. Ich finde außerdem das politische Potenzial des Romans bemerkenswert: Wie verkehrt, wie durch und durch kaputt muss eine Gesellschaft eigentlich sein, in der ein solches Buch auch nur möglich ist, in der sein Autor mit einiger Plausibilität behaupten kann, Vorgänge aus dem England der späten Neunziger wiederzugeben? Ishiguro baut in den Text manchmal catch phrases ein, bei denen ich zum Schluss zusammenzuckte. Einer dieser Sätze lautet: "I don't know how it was where you were, but at Hailsham ..." Ich konnte oft nicht mehr als zehn Seiten am Stück lesen. Dringende Empfehlung.






Jetzt auch im Dschihad-06-Mod.






Puffer Pabst






Whatever happened eigentlich to the Bevölkerungsexplosion?






Für Leute, die mich kennen, ist das jetzt keine echte Überraschung, aber: Mode hab ich noch nie verstanden.





Dienstag, 2. Mai 2006


Ein Schüler hat "Das Herkules-Projekt" gelesen und viel im Internet über mich gefunden, jetzt will er ein Referat über seine Leseerfahrung machen. Zu diesem Zweck ruft er mich an. Er stellt mir die Fragen, die er sich aufnotiert hat, meine Antworten schreibt er mit. Der Junge ist die ganze Zeit aufgeregt, aber er lässt sich von seiner eigenen Aufgeregtheit nicht einschüchtern, er hat sich nun einmal ein Ziel gesetzt und will es erreichen. Auch ich frage ihn nach seinem Alter, nach seiner Schule, wie er das Buch gefunden hat. 13 ist er. Ich denke an mich als Dreizehnjährigen. Niemals hätte ich gewagt, einen Autor zu Hause anzurufen. Als ich am Ende bitte, mir das Referat zu schicken, wenn es fertig ist, sagt er: "Die Powerpoint-Präsentation kommt dann per Mail." Es klingt überhaupt nicht slick oder altklug, es ist wohl in seinen schulischen Zusammenhängen einfach nur selbstverständlich, dass ein Referat auch die Form einer Powerpoint-Präsentation annehmen kann. Als ich auflege, bin ich ziemlich beeindruckt.






Ein Karussell, wie gut es auch immer geölt sein mag, verliert irgendwann seinen Schwung, wenn es nicht angetrieben wird. Nehmen wir einmal einen speziellen Karusselltyp, jene interessanten rotierenden Plattformen, die man seit einigen Jahren so hat. Die User könnten versucht sein, den Schwung durch Gewichtsverlagerungen etc. aufrechtzuerhalten, was regelmäßig misslingt und auch schon grundsätzlich zum Scheitern verurteilt zu sein scheint, wie der Versuch von Passagieren eines Segelboots, ihr Gefährt durch Pusten in die Segel vorwärts zu bringen. Warum aber ist es dann möglich, diese Plattformen anzutreiben, indem man auf ihnen geht bzw. läuft, immer bemüht, im Verhältnis zur Umgebung an derselben Stelle zu bleiben? Und, wo wir schonmal dabei sind: Wie funktioniert eigentlich die gewöhnliche Spielplatzschaukel, physikalisch gesehen?






Wie lange Morales wohl noch lebt?





Montag, 1. Mai 2006



Frühling wie Gegenteil.






Okkerville River, For Real Sofa Surfers, White Noise The Immediate, A Ghost in the House





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